Belgrad Tränen für einen Schwerverbrecher


Ein Staatsbegräbnis bekam Milosevic nicht, trotzdem feierten 80.000 Serben den Kriegsverbrecher noch einmal wie einen Helden: Mit "Slobo, Slobo"-Rufen nahmen sie in Belgrad Abschied.

Zehntausende Serben haben am Samstag vor der Beisetzung von Slobodan Milosevic noch einmal ihre Sympathie für den verstorbenen jugoslawischen Ex- Präsidenten bekundet. In der Hauptstadt Belgrad schwenkten sie Fahnen und Transparente und zogen vor das Parlament. Der mit einer serbischen Flagge bedeckte Sarg wurde nach Pozarevac gebracht, wo Milosevic gegen den Wunsch seiner Tochter beerdigt werden sollte. Anhänger der Demokratiebewegung, die Milosevic vor sechs Jahren stürzte, wollten später gegen die Politik des Verstorbenen demonstrieren. Milosevic war vor einer Woche im Gefängnis des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag an Herzversagen gestorben.

"Slobo, Slobo!"-Rufe

"Heute nehmen wir Abschied von dem besten Mann unter uns", sagte ein Sprecher von Milosevics Sozialisten vor den geschätzten 80.000 Teilnehmern. Die Trauernden verharrten einen Augenblick in Schweigen und brachen dann in lauten "Slobo, Slobo!"- und "Das hier ist Serbien!"-Rufen aus. Auch Anhänger der ultranationalistischen Radikalen Partei nahmen teil. Einer von ihnen verlas einen Brief ihres Anführers Vojislav Seselj, der in Den Haag auf sein Verfahren wartet.

Milosevic war vor dem Tribunal wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Bosnien, Kroatien und im Kosovo während der 1990er Jahre angeklagt. In den Kriegen wurden mindestens 150.000 Menschen getötet und Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Im Oktober 2000 wurde Milosevic gestürzt. Nach dem Tod des 64-Jährigen hatte Serbien ein Staatsbegräbnis kategorisch ausgeschlossen.

Beerdigung im Garten

Milosevic sollte nun unter einer alten Linde gebettet werden, unter der er auch seiner Frau Mira erstmals geküsst haben soll. Mira und ihr gemeinsamer Sohn Marko nahmen aus Angst vor einer Festnahme nicht an der Beisetzung teil. Milosevic Tochter Marija drohte an, ihren Vater in ein Dorf seiner Ahnen in Montenegro umbetten zu lassen. Er hätte nicht auf dem Anwesen des Hauses in Pozarevac beerdigt werden wollen, sagte sie der Zeitung "Dan". Das Haus habe ursprünglich der Familie seiner Frau gehört. "Ich werde nicht zulassen, dass mein Vater im Garten eines Fremden ruht", sagte sie. Marija lebt in Montenegro. Sie war nach eigenen Angaben nicht in die Pläne für die Beisetzung einbezogen worden.

Familie bleibt Zeremonie in Heimatort fern

Das Begräbnis findet ohne die engste Milosevic-Familie statt. Witwe Mirjana Markovic und Sohn Mark sind, wie es hieß, aus Sicherheitsgründen, in ihrem Moskauer Asyl geblieben. Auch Tochter Marija, die in Montenegro lebt, wird der Beerdigung fernbleiben.

Die Untersuchung der Leiche Milosevics ergab nach UN-Angaben keine Hinweise auf eine Vergiftung. Es seien keine Medikamente in lebensbedrohlichen Konzentrationen gefunden worden, teilte der Präsident des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Fausto Pocar, am Freitag mit.

DPA/AP AP DPA

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