Prozessbeginn in Den Haag Die Parallelwelt des Radovan Karadzic


Er ist der mutmaßliche Drahtzieher der grausamsten Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: Radovan Karadzic. Jetzt hat in Den Haag der Prozess gegen den ehemaligen Serbenführer begonnen - ohne den Angeklagten.
Eine Analyse von Tilman Müller

Dieser Karadzic! Dreizehn Jahre geisterte der Serbenführer und Ex-Psychiater durch alle möglichen Verstecke, narrte Heere von Häschern und ließ währenddessen zu seiner Verteidigung einen fünfbändigen Wälzer publizieren. Dann wurde der mutmaßliche Drahtzieher der grausamsten Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg im Juli vergangenen Jahres geschnappt. Knapp 15 Monate hatte er danach zur Verfügung, um sich in seiner Zelle auf den Prozess vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal vorzubereiten. Immer wieder gelang es ihm, den Prozessbeginn hinauszuschieben. Bis der Termin endgültig auf den 26.10. festgelegt wurde. Und nun behauptet Herr Karadzic, er habe nicht genug Zeit zur Vorbereitung gehabt, und erscheint deshalb wie angekündigt am Montagmorgen nicht im Gerichtssaal.

Eine Geschichte aus dem Tollhaus, der Balkan lässt grüßen. Verbarrikadiert sich der geübte Versteckspieler nun in seiner Zelle im Haager Vorort Scheveningen, begleitet von einem kleinen Hungerstreik womöglich? Karadzic erklärte zuletzt, er müsse noch "eine Million Seiten" von Dokumenten sichten, dafür benötige er zehn Monate.

Merkwürdiges Parallel-Universum

Klar ist, dass Karadzic die Anklage komplett ablehnt. Für ihn ist das Haager Tribunal ein "Nato-Gericht". Eine Siegerjustiz, der er sich niemals unterwerfen wird. Deshalb beharrt er auch darauf, sich selbst zu verteidigen (unterstützt von einem Team, das gratis arbeitet) und klagt bei jeder Gelegenheit, das Gericht wolle ihn "zu Tode prozessieren" - eine Anspielung auf seinen politischen Ziehvater, den Belgrader Serbenführer Slobodan Milosevic, der vor gut drei Jahren während der Tribunal-Verhandlungen in Scheveningen starb.

Dabei geht es dem Ex-Präsidenten des bosnisch-serbischen Pseudo-Staats in Wahrheit überhaupt nicht darum, mehr Zeit zur Vorbereitung seiner Verteidigung herauszuschinden. Vielmehr versucht er permanent, sich als serbischen Märtyrer zu inszenieren und aus dem Prozess eine Farce zu machen. In der Heimat führte er als wuschelbärtiger Wunderheiler unter dem Namen Dr. Dabic jahrelang eine bizarre Doppelexistenz. Nun lebt er in seiner Scheveninger UN-Zelle in einem ähnlich merkwürdigen Parallel-Universum. Nicht die Auseinandersetzung mit der Anklage steht für ihn hier im Vordergrund, sondern eine möglichst rühmliche Selbstdarstellung für seine nicht unbeträchtliche Anhängerschar in Bosnien und Serbien.

Ein Schlager der nationalistischen Hardliner

In seiner einstigen Belgrader Stammkneipe, sie heißt "Luda Kuca" (Irrenhaus), findet der Prozess-Boykott mit Sicherheit größten Beifall. Über der Theke hängt dort bis heute ein altes Foto vom großen Serbenführer Radovan Karadzic. Daneben ein Bild von dessen noch immer steckbrieflich mit einem Kopfgeld in Höhe von fünf Millionen Dollar gesuchten Militärchef Ratko Mladic. Für die Zecher in der nationalistischen Hardliner-Bar gelten Rascho (Koseform für Radovan) und Ratko bis heute als große Retter des Serbentums - Helden, die im Bosnien-Krieg verhindert haben, dass noch mehr ihrer Landsleute von den Kroaten und Moslems umgebracht wurden. Zu vorgerückter Stunde grölen sie manchmal heute noch den populären Serben-Schlager: "Radovan, die Tannen verbergen dich/die Wölfe der Romanjia schützen dich/Es fährt ein Mercedes über den Berg Trebevic/ und darin sitzt Rascho Karadzic."

Als Karadzic voriges Jahr in Belgrad festgenommen wurde, waren laut Umfragen immerhin 50 Prozent der Serben gegen seine Auslieferung nach den Haag. Inzwischen ist die Zahl seiner potentiellen Unterstützer wohl etwas gesunken, aber noch immer gibt es keine breite Mehrheit im Land, die etwa lautstark die Festnahme und Auslieferung von Mladic fordern würde. Viele Serben misstrauen dem Haager Kriegsverbrechertribunal, weil dort bislang wegen der Balkan-Kriege in weit überwiegender Mehrheit serbische Ex-Krieger angeklagt wurden und nur relativ wenige Kroaten, Muslime oder Kosovaren. Genau dieses Misstrauen will Karadzic sich zunutze machen in den Haag - doch ob ihm das gelingt, ist mehr als fraglich.

Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in elf Fällen werden dem heute 64-Jährigen zur Last gelegt, darunter zwei Fälle von Völkermord. Als Oberkommandierender der bosnisch-serbischen Armee soll er verantwortlich gewesen sein für Massenmorde und ethnische Säuberungen, insbesondere in Srebrenica und Umgebung, wo serbischen Massakern im Sommer 1995 etwa 8000 Muslime zum Opfer fielen.

In den Vorverhandlungen wies Karadzic jegliche Schuld von sich. Bereits während des Bosnienkriegs hatte er sich immer wieder auf schockierende Weise über die Wirklichkeit hinweggesetzt. Als seine Truppen Sarajewo belagerten und hungernde Zivilisten unter Dauerbeschuss nahmen, erklärte der Kriegsfürst, es gäbe keine Belagerung - schweres Geschütz sei nur deshalb auf den Hügeln installiert worden, um einen Ausbruch der muslimischen Horden aus der Stadt zu verhindern. Wenn es Tote gab, behauptete er, die Muslime hätten "auf sich selbst geschossen", um "internationale Sympathien zu gewinnen". Und als seine Soldateska im Juli 1995 in Srebrenica wütete, will er "erst davon gehört" haben, "als General Mladic anrief".

Solche Ausflüchte und Realitäts-Verdrehungen werden nun mit Sicherheit auch beim Prozess in den Haag zu hören sein. Die Anklage muss indes beweisen, ob der irre Nervenarzt persönliche Verantwortung für die Gräuel trägt, die unter seiner Ägide im Bosnienkrieg begangen wurden. Der bosnische Serbe Miroslav Deronjic belastete ihn bereits schwer. Karadzic, gab der Funktionär bereits im Jahr 2003 zu Protokoll, habe ihm befohlen, sämtliche Männer von Srebrenica umzubringen. "Miroslav", habe der Serbenchef angeordnet, "töte jeden, den Du erwischen kannst."

Ein Urteil ist voraussichtlich, so Chef-Ankläger Serge Brammertz, erst in zweieinhalb bis drei Jahren zu erwarten.


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