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Serbiens EU-Perspektiven: "Unser Beitritt liegt auf Eis"

Früher demonstrierten sie gegen Diktator Milosevic, heute gehören sie zur jungen Belgrader Regierungselite: Serbiens Präsident Boris Tadic und Außenminister Jeremic wollen ihr Land in die EU führen. Doch darauf werden die Serben wohl noch lange warten müssen.

Von Tilman Müller

Mit seinem Bürstenhaarschnitt und der randlosen Brille sieht der junge Mann aus wie ein Studentensprecher. Doch sobald er loslegt im Reuter-Saal der Berliner Humboldt-Universität, spürt man, dass hier ein versierter Diplomat spricht. "Zum ersten Mal in der Geschichte des Balkans", erklärt er am Podium, "haben wir in Serbien eine Regierung, die schwierige Probleme, wie etwa das des Kosovo, von vorneherein mit friedlichen Mitteln lösen will".

Gegen das Kriegstreiber-Image

Vuk Jeremic, 33 Jahre alt und seit gut einem Jahr Serbiens Außenminister, redet amerikanisch wie ein Börsenmakler - schnell und mit wohl dosiertem Humor. Der Absolvent der Harvard University ist in Berlin auf Goodwill-Tour, um für Serbiens EU-Beitritt zu werben. Er gehört zur jungen Belgrader Regierungsgarde, die einst gegen Slobodan Milosevic auf die Straße ging und heute vehement gegen das schlechte Image kämpft, das Serbien noch immer anhaftet aufgrund der menschenverachtenden Kriegstreiberei seines längst verstorbenen Diktators.

Ähnlich wie Willy Brandt mit seinem Kniefall von Warschau habe Serbiens Premier Boris Tadic in Srebrenica um Vergebung für die Kriegsverbrechen gebeten. "Leider wurde die Verbeugung Tadics kaum wahrgenommen", sagt Jeremic nach dem Vortrag stern.de im Berliner Adlon-Hotel, vielmehr müsse die jetzige Regierung Serbiens den Preis für die Sünden der Milosevic-Ära bezahlen; denn erst jetzt und nicht unmittelbar nach Belgrads Niederlage gegen die Truppen der Nato im Jahr 1999 werde die Abtrennung des Kosovo vom serbischen Staatsgebiet von einer wachsenden Zahl westlicher Länder betrieben.

Die kosovarische Demokratie

"Das ist nicht fair", findet Jeremic, der gerade zurück kommt von einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York, wo auch die Situation des Kosovo zur Sprache kam. "Für uns ist die einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo nicht mit internationalem Recht vereinbar", sagt er, "wir werden uns dagegen ohne jede Konfrontation mit rein diplomatischen Mitteln wehren". Im Kosovo seien Korruption und organisierte Kriminalität weit verbreitet, so der Außenminister, von Demokratie könne keine Rede sein. Dass dort vor kurzem drei mutmaßliche BND-Mitarbeiter verhaftet wurden, passt für ihn ins Bild. "Dass die Deutschen im Kosovo eine Attacke verübt haben", sagt er, "deckt sich nicht mit den Erkenntnissen unseres Geheimdiensts."

Serbiens Außenministerium besitzt einen eigenen Geheimdienst. Daneben gibt es in Belgrad noch zwei militärische Späher-Organisationen sowie den zivilen Geheimdienst BIA mit dem 36-jährigen Sasa Vukadinovic - einem guten Bekannten Jeremics - an der Spitze. BIA-Leute nahmen am 17. Juli diesen Jahres den bis dahin 13 Jahre lang untergetauchten, mutmaßlichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic fest - nur wenige Tage nachdem die Tadic-Regierung ihr Amt antrat. Warum wurde nicht auch der ebenfalls seit langem General Ratko Mladic verhaftet? "Wir wissen wirklich nicht, wo er sich aufhält", beteuert Jeremic, "sobald wir ihn finden, wird er sofort an das Kriegsverbrecher-Tribunal in den Haag ausgeliefert, das kann jeden Tag passieren."

Schwammige Beitrittsperspektiven

Insider gingen bislang davon aus, dass mit einer Überstellung Mladics frühestens vor einer zentralen politischen Entscheidung - etwa einem EU-Beitritt Serbiens - zu rechnen ist. Doch Jeremic widerspricht: "Mit solchen Machtspielchen haben wir nichts zu tun. 44 der insgesamt 46 Angeklagten serbischer Nationalität, deren Überstellung das Tribunal forderte, haben wir so schnell wie möglich ausgeliefert, und mit den beiden letzten werden wir genauso verfahren."

Nach der Verhaftung von Karadzic habe es seitens der EU "absolut keine positiven Signale" für eine Aufnahme Serbiens gegeben, "höchstens wohlmeinendes Schulterklopfen". Das macht dem jungen Außenminister Sorgen. "Unser Beitritt liegt auf Eis", sagt er nüchtern. Wenn sich das nicht bald ändere, werde die Bevölkerung unruhig. "Die Leute haben uns gewählt, weil wir ihnen eine Europa-Perspektive in Aussicht gestellt haben, doch wenn sie mal nach Berlin oder Barcelona verreisen wollen, müssen sie wohl noch lange für ein Visum in der Schlange stehen."

  • Tilman Müller