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Baden-Baden: Bill Clinton über Helmut Kohl: "Er hat alles richtig gemacht"

In privater Runde erinnert sich Bill Clinton am Vorabend der Trauerfeier an seine Begegnungen mit Kanzler Helmut Kohl. Unser Autor saß mit am Tisch des früheren US-Präsidenten.

Von Thomas Ammann

Bill Clinton und Thomas Ammannn

Bill Clinton mit dem stellvertretenden stern-Chefredakteur Thomas Ammann in Baden-Baden.

"Ich habe ihn geliebt", sagte der frühere US-Präsident Bill Clinton (70) heute in seiner ungewöhnlich emotionalen und bewegenden Trauerrede für den verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Kohl in Straßburg. Und da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, gründete sich das enge und freundschaftliche Verhältnis der beiden Spitzenpolitiker von Anfang an auf einer gemeinsamen Leidenschaft: dem guten Essen.

Dies und noch mehr verriet der frühere US-Präsident bei einem privaten Abendessen am Vorabend der Trauerfeierlichkeiten in Baden-Baden, zu dem der Medienunternehmer Karlheinz Kögel, ein langjähriger Freund Clintons, in sein Restaurant "Medici" geladen hatte. Als Clinton mit seiner kleinen Entourage aus Beratern und Leibwächtern eintrifft, wird er von zwei geduldig wartenden Fans um ein Autogramm und das obligatorische Selfie gebeten.

Helmut Kohl beim Nobelitaliener

Als das mit der gewohnten Routine erledigt ist, betritt die amerikanische Delegation das Restaurant über die Terrasse. Einige der anderen Gäste drehen sich um oder stecken die Köpfe zusammen, aber die Aufregung hält sich in Grenzen. Gute Voraussetzungen für einen entspannten und unterhaltsamen Sommerabend im Kreise einiger Bekannter. Nicht einmal ein zu späterer Stunde unvermittelt einsetzendes Feuerwerk kann Clinton oder seine Sicherheitsleute an diesem Freitagabend aus der Ruhe bringen.

In kleiner Runde verrät er dann, dass schon bei seiner ersten Begegnung mit Kohl im Weißen Haus im März 1993 die Rede auf kulinarische Genüsse kam. Beim obligatorischen Fototermin zur Begrüßung habe der Kanzler ihm erzählt, er habe am Abend zuvor wie gewöhnlich im Filomena diniert, einem Nobelitaliener im schmucken Washingtoner Stadtteil Georgetown. Er komme ja gewöhnlich abends aus Deutschland an, so der Kanzler via Dolmetscher zum Präsidenten, und da könne man ja kaum noch etwas anderes tun, außer Essen zu gehen. "Deshalb besuche ich regelmäßig das Filomena und tue etwas, was ich nicht tun sollte, jedenfalls nicht so ausgiebig", so Kohl, der für seinen gewaltigen Appetit und seine Leibesfülle berüchtigt war - ebenso wie Clinton, dem in seiner aktiven Zeit eine gewisse Schwäche für Fastfood anzusehen war.

Bill Clinton ging mit Kohl zusammen Essen

Vielleicht könne man beim nächsten Mal das Filomena gemeinsam besuchen, habe der Kanzler damals noch angeregt. Das sei dann auch geschehen - nicht einmal, sondern mehrfach. Die Filomena-Besuche der beiden Schwergewichte seien zur festen Gewohnheit geworden, berichtet ein gut aufgelegter, hellwach und gelöst wirkender Clinton am Freitagabend in Baden-Baden. Ein Foto in dem Washingtoner Restaurant kündet bis heute von den deutsch-amerikanischen Gipfelgesprächen bei Austern, Muscheln, Pasta und, nicht zu vergessen, Kohls bevorzugtem Dessert Tiramisu. "Helmut gehörte zu den Lieblingsgästen der Inhaberin", fügt Clinton noch mit einem Lächeln hinzu, "er aß die Speisekarte rauf und runter".

Die gemeinsamen Interessen hätten sich aber nicht auf gastronomische Entdeckungen beschränkt. Zusammen habe man zu Beginn der 1990er-Jahre daran gearbeitet, erzählt der frühere US-Präsident beim Dinner in Baden-Baden, "zu verhindern, dass aus Russland das wird, was es heute ist." Mit dem damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin sei "in den ersten Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung noch eine Verständigung" möglich gewesen.

Ein großer Mann mit großen Gefühlen

Bis heute bewundert der große Kommunikator Clinton die Fähigkeit Kohls, "Politik über persönliche Beziehungen zu gestalten". Kohl sei ein „großer Mann mit großen Gefühlen“ gewesen - und mit einem lebendigen Interesse an seinen Mitmenschen. Das habe er selbst erlebt, erinnert sich Clinton, bei seinem gemeinsamen Besuch mit Kohl beim Berliner Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, einem der ersten Spitzenpolitiker, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hatte. Kohl habe den SPD-Politiker "regelrecht ausgefragt, er wollte alles von ihm wissen", berichtet Clinton, "da habe ich gemerkt: Das Interesse war wirklich echt."

Für das politische Lebenswerk Kohls empfindet Clinton, der von 1993 bis 2001 Präsident der Vereinigten Staaten war, vor allem Bewunderung. "Er hat alles richtig gemacht", stellt er fest, indem er "die europäische Einigung, die deutsche Einheit und den Euro" an entscheidender Stelle vorangetrieben habe. Unglücklich ist Bill Clinton noch immer über die Niederlage seiner Frau Hillary bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen November. "Sie wäre eine hervorragende Präsidentin gewesen", sagt er am Freitagabend.

Dem ausgiebigen Schlemmen hat er inzwischen abgeschworen. Beim Dinner in Baden-Baden belässt er es bei etwas Sushi zum Einstieg und seinem Lieblingsgemüse Avocado sowie einem gegrillten Fisch zum Hauptgang. Allein durch die Ernährungsumstellung, so erzählt er, habe er "dauerhaft zehn bis 15 Kilo" abgenommen. Kurz vor Mitternacht verabschiedet sich der 70-Jährige, dem die lange Anreise über den Atlantik nicht anzumerken ist, von der Tischrunde mit den Worten, er müsse noch "die Trauerrede für Helmut" vorbereiten. So endet eine überaus unterhaltsame und spannende Zeitreise mit dem früheren US-Präsidenten, der aus dem Stegreif zu allen wichtigen Themen dieser Welt Gedanken und Ansichten äußern kann, die deutlich länger als 140 Zeichen sind.