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Blinder Menschenrechtler Chen: Ein Politkrimi made in China

Der blinde Bürgerrechtler Chen Guangcheng will jetzt doch in die USA ausreisen. Am liebsten mit der Maschine von Hillary Clinton. Gleichzeitig erhebt er Vorwürfe gegen US-Diplomaten.

Von Manuela Pfohl

Ein chinesischer Bürgerrechtler - und noch dazu blind - wird von seiner Regierung 19 Monate lang unter Hausarrest gestellt. Denn der Mann hatte sich für die Opfer von Zwangssterilisierungen und Landenteignungen eingesetzt und damit in China einen Namen gemacht hat. Fast zerbricht die Familie daran. Dann kann der 40-Jährige heimlich fliehen. Er wird verletzt, erreicht aber in letzter Minute die US-Botschaft, bittet um Hilfe und wird nach sechs Tagen von "herzlosen" Beamten wieder fortgeschickt. Weltweites Entsetzen, Menschenrechtler intervenieren und dann die Wende. Die Familie kann doch ausreisen. In die USA. Obama höchst selbst hat sich dafür stark gemacht. Happy End. Irgendwann wird Hollywood die Geschichte sicher verfilmen und einmal mehr feststellen, dass die Wirklichkeit immer noch die besten Drehbücher schreibt. Denn genau dieser Politkrimi spielt sich gerade ab.

In einem CNN-Interview appelliert der Held der Geschichte, der Bürgerrechtler Chen Guangcheng, der seit seiner frühesten Kindheit blind ist, an Obama. Der US-Präsident möge bitte "alles tun", um ihn und seine Familie aus China herauszubringen. Der Mann war 2006 zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt und anschließend in seinem Haus unter Arrest gestellt worden. Nach seiner Flucht aus dem Hausarrest im April habe die Polizei seine Frau zwei Tage lang an einen Stuhl gefesselt. "Dann brachten sie Knüppel und drohten, sie zu Tode zu prügeln." Er sei gewarnt worden, dass seine Frau und seine zwei Kinder von Peking wieder in die Heimatprovinz Shandong gebracht würden, wenn er die Botschaft nicht verlasse. "Sie sagten, sie würden sie zurückschicken und Leute würden sie verprügeln." Die Familie des 40-Jährigen sei auch als Druckmittel eingesetzt worden, damit er die US-Botschaft verlasse.

Der Politkrimi nimmt an Fahrt auf

An dieser Stelle kommen Akteure ins Spiel, die nicht ganz durchschaubar sind und für Verwirrung sorgen. Denn Chen beschwert sich, er habe auch in der Botschaft selbst wenig Unterstützung erfahren. Er wirft den US-Diplomaten vor, ihn im Stich gelassen zu haben. Er sei in der US-Botschaft unter "enormen Druck" von US-Vertretern geraten - "nicht denen von der Botschaft, sondern anderen", fügt er offenbar unter Hinweis auf angereiste Regierungsbeamte hinzu. "Ich war isoliert", sagt der 40-Jährige. Und schlimmer noch: Die Diplomaten hätten ihn gedrängt, die Botschaft zu verlassen und ihm im Gegenzug dazu versprochen, ihm im Krankenhaus zur Seite zu stehen. Doch am Mittwoch, kurz nachdem Chen dort ankam, seien alle weg gewesen. Er sei darüber "sehr enttäuscht" und fühle sich belogen, erklärt er im CNN-Interview.

Der Politkrimi nimmt an Fahrt auf: Eine internationale Menschenrechtsgruppe übt scharfe Kritik am Umgang der USA mit dem blinden Bürgerrechtler. "Keine bedeutsamen Maßnahmen wurden ergriffen, um sicherzustellen, dass die chinesischen Behörden ihren Teil der Tauschhandels einhalten", teilt die Organisation Chinese Human Rights Defenders (CHRD) am Donnerstag mit. "Wir sind sehr besorgt über seine Sicherheit", sagt CHRD-Direktorin Renee Xia. US-Beamte hätten sich mehr Zeit nehmen sollen, um andere Optionen zu erkunden und Chen Guangcheng vor dem Verlassen der US-Botschaft mehr Zeit zu geben, seine Freunde zu konsultieren. "Sein Schicksal ist jetzt wieder in den Händen derselben Regierung, die sich in den vergangenen sieben Jahren mitschuldig an seinem Verschwinden, seiner Festnahme und Angriffen auf ihn gemacht hat", teilt CHRD mit.

Happy End?

Ein Frontalangriff, den es abzuwenden gilt: US-Botschafter Locke betont deshalb am Donnerstag vor Reportern, Chen sei keinesfalls unter Druck gesetzt worden, die Botschaft zu verlassen. Im Gegenteil. Er sei "aufgeregt und begierig" gewesen zu gehen, sagte Locke. Seine Frau habe ihn gedrängt, zurück zu seiner Familie zu kommen. Ein hochrangiger US-Beamter ergänzt, Diplomaten stünden im Kontakt mit Chen und seien bereit, ihm bei der Ausreise zu unterstützen. Es sei aber noch unklar, was Chen wolle, sagte der Beamte. Der Aktivist hatte eigentlich betont, er wolle in China bleiben, um dort seine Menschenrechtsarbeit fortzusetzen.

Doch nun äußert Chen in einem Telefoninterview mit der Pekinger "Newsweek"- und "Daily Beast"-Korrespondentin die Bitte, unter dem Schutz von US-Außenministerin Hillary Clinton das Land verlassen zu können. "Meine größte Hoffnung ist, dass es für mich und meine Familie möglich wäre, mit Clintons Flugzeug in die USA zu fliegen."

Währenddessen versuchen US-amerikanische und chinesische Diplomaten zu retten, was die Hardliner ruiniert haben: Nämlich das Geschäftsverhältnis beider Länder miteinander. Zum Auftakt einer neuen Runde des strategischen und wirtschaftlichen Dialogs zwischen China und den USA in der chinesischen Hauptstadt ruft Chinas Präsident Hu Jintao zu engerer Kooperation auf. Beide Länder sollten angemessen mit Differenzen umgehen und neue Wege gehen, um ihre Beziehungen im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung zu entwickeln, sagt Hu Jintao. Ist das die vorerst letzte Episode im Politkrimi oder doch schon das Happy End?

Mit DPA/AFP / AFP