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Brasilien: "Vater der Armen" gewinnt die Stichwahl

In den Stichwahlen hat Amtsinhaber Luiz Inàcio Lula da Silva nun doch das Rennen gemacht. Doch auf den "Vater der Armen" warten schwierige Aufgaben: Das wirtschaftliche Wachstum lahmt, Korruptionsaffären kratzen an Lulas Image.

Mit einem Spagat zwischen Arm und Reich hat Luiz Inàcio Lula da Silva im sozial tief gespaltenen Brasilien trotz Affären und schwacher Wirtschaft die Wiederwahl zum Staatspräsidenten geschafft. Denn der "Vater der Armen", wie er von den Notleidenden in den Metropolen wie Sao Paulo oder Rio ebenso wie in den entlegensten Dörfern des trockenen Nordosten oder des Regenwalds gelobt wird, hat in seinen ersten vier Regierungsjahren auch die Herzen unzähliger Vertreter der Elite erobert.

Lula ein Konservativer, kein Abenteurer

"Präsident Lula hat bewiesen, dass er ein Konservativer ist, er ist kein Abenteurer", sagte nach der Wiederwahl etwa Alfredo Moraes, Präsident des Verbandes der brasilianischen Finanzmärkte "Andima". Olavo Setubal, Chef der Banco Itau, der zweitgrößten Bank des Landes, hatte schon vor dem Urnengang erklärt, ihm sei egal, ob in der Stichrunde Lula oder dessen sozialdemokratischer Rivale Geraldo Alckmin (PSDB) gewinne. Für die Märkte seien beide gleich gut. Und Alckmins wichtigster Wahlhelfer Aecio Neves bezeichnete den charismatischen politischen Gegner sogar als "Mythos".

Nur so ist zu erklären, dass der frühere Gewerkschaftsboss bei der Stichrunde vom Sonntag ungeachtet der vielen Korruptionsaffären um die Zentralregierung mit 58 Millionen die meisten Stimmen in der Geschichte der brasilianischen Wahlen erhielt. Dass die meisten Stimmberechtigten unter den offiziell gut 40 Millionen Armen in Brasilien für den Kandidaten der Partei der Arbeiter (PT) wählen würden, war ohnehin klar.

"Lula ist mein Held. Mit ihm weiß ich, dass ich und meine sieben Kinder zumindest immer etwas zu essen haben werden", jubelte am Sonntagabend nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses die Putzfrau Zeze im Armenviertel Rosinha in Rio de Janeiro. Zumeist dunkelhäutige Kinder und Nachbarn sprangen um sie herum und schrien: "Lulaaaa, Lulaaaa".

Lula führte Sozialprogramm "Bolsa Familia" ein

Wichtigster Trumpf Lulas ist das Sozialprogramm "Bolsa Familia", durch das rund 50 Millionen Familien monatlich zwischen 70 und 95 Real (25 bis 35 Euro) bekommen. Ein Großteil der Medien und Regierungskritiker sehen hier eine Art "Stimmenkauf mit Almosen". Doch der Soziologe und "kritische" Lula-Anhänger Emir Sader entgegnet: "Brasilien ist immer noch das ungleichste Land der Welt. Zum ersten Mal wird aber bei uns nun an die Armen gedacht."

Auf eine Waffenruhe mit dem politischen Gegner kann Lula nach dem Erdrutschsieg allerdings nicht hoffen, obwohl er "Dialog mit der Opposition" versprach. Senator Alvaro Dias, ein Parteikollege Alckmins, meinte nach der Stichrunde, ein Sieg in den Urnen spreche niemanden von Verbrechen frei. Im Senat, wo Lulas Koalition es besonders schwer haben wird, sprachen viele von "harter Opposition". Im jüngsten Skandal um den Kauf eines Dossiers mit belastenden Informationen gegen die Opposition untersuchen Polizei und Wahlbehörde noch eine mögliche Verwicklung des Präsidenten.

Skandale und schwaches wirtschaftliches Wachstum

Der einflussreiche Kolumnist Clovis Rossi schrieb am Sonntag in der Zeitung "Folha de Sao Paulo", nach dem Wahlfest warte auf die Regierung gleich um die Ecke "ein Monster mit zwei Gesichtern". Das erste Problem seien eben die Skandale ("der Skandal-Schmutz wird vom Wahlsieg nicht weggewaschen"), das zweite das schwache wirtschaftliche Wachstum. Hier rangiert Brasilien im gesamt- amerikanischen Vergleich auf dem vorletzten Platz nur noch vor Haiti.

Lula müsse nun Ausgaben kürzen, die Steuer- und Zinslast reduzieren und die Bürokratie abbauen, um die Grundlage für ein nachhaltiges Wachstum zu schaffen, forderte nach den Wahlen der mächtige Nationale Verband der Industrien.

Emilio Rappold/DPA / DPA