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Burkina-Faso: Ein Rettungsboot aus Bio-Baumwolle

Burkina-Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Einziger Export-Schlager ist Baumwolle. Die Subventionspolitik der USA und Europas verhindern jedoch, dass die afrikanischen Bauern von ihrer Arbeit leben können. Der Hoffnungsschimmer heißt nun: Fair gehandelte Bio-Baumwolle

Von Tim Farin und Christian Parth

In der Erntezeit braucht Lallé Dramane Sory, 57, seine ganze Familie. In diesen heißen und trockenen Wochen bis Anfang Dezember sind seine fünf Frauen und die meisten seiner 18 Kinder selbstverständlich schon frühmorgens auf dem Acker, um den dörren Sträuchern auf Sorys Feldern im Westen des bettelarmen afrikanischen Landes Burkina Faso das "weiße Gold" zu entnehmen.

Leben von der Baumwolle

Familie Sory lebt von der Baumwolle, vielleicht anderthalb Tonnen davon karren sie in den nächsten Tagen zum mehr als zehn Kilometer entfernten Marktplatz, ein paar Wochen später werden sie ihre Jahreseinnahmen erhalten, rund 630 Euro. Geld, mit dem Familie Sory so gut leben kann, dass sie sogar einen Sohn auf die Universität in der 450 Kilometer entfernten Hauptstadt Ouagadougou schicken. "Ich kann leider nicht sagen, was er studiert", erzählt Bauer Sory in seiner Lokalsprache Karabourou, "aber ich hoffe, dass die Ausbildung ihm hilft, ein besseres Leben zu führen."

Baumwolle ist das Rettungsboot für Burkina Faso, doch eines mit vielen Lecks. Familie Sory hat es noch verhältnismäßig gut, denn sie baut Bio-Baumwolle an, ohne Pestizide, mit Kompost als Dünger - und bekommt dafür feste Gelder und eine Abnahmegarantie. Doch die Bio-Bauern produzieren in dem Land weniger als ein Promille der gesamten Ernte, der Rest arbeitet konventionell und hängt von den seit Jahren niedrigen Weltmarktpreisen ab.

Ungerechter Weltmarkt

Die Baumwolle bringt mehr als 50 Prozent der Exporterlöse, jeder vierte Burkiner erntet weiße Fasern - entsprechend wird das Land getroffen von der Subventionspolitik in den USA und auch in Europa. Die Milliardenzuschüsse dort drücken Weltmarktpreise und die Chance für die Menschen in Westafrika, genug Geld zu verdienen, um mit der Ernte Gewinn zu erzielen.

Zwar hat der Weltmarktpreis sich wieder erholt, doch liegt er noch immer 40 Prozent unter dem Höchststand von 1995. Konventionelle Bauern leiden daher unter steigenden Kosten für Dünger und Pestizide sowie dem starken Euro, an den ihre Währung gebunden ist, während die Fasern in US-Dollar abgerechnet werden.

Der wortgewaltige Anwalt Afrikas

Es ist eine komplizierte Situation, die Francois Traore gegenüber Verhandlungspartnern in Amerika und Europa knapp zusammenfasst: "Sie töten uns." Traore, 55, ist Chef der Baumwollbauern-Union von Burkina Faso und oberster Repräsentant der afrikanischen Farmer. Seit seinem energischen Auftritt vor vier Jahren im mexikanischen Cancún nimmt man ihn ernst im Kreise der Welthandels-Diplomaten. Doch Traore, selbst ein Farmer, sieht noch immer keine Fortschritte: "In den Dörfern interessieren die WTO-Details niemanden. Die Leute wollen nicht nach Europa flüchten oder von Entwicklungshilfe, sondern von ihrer Hände Arbeit leben."

Gefährliche Pestizide

Traore ist so etwas wie der wortgewaltige Anwalt jener einfachen Landbevölkerung, die meist weder das Französisch der Gebildeten spricht, noch über Brunnen, Strom oder Maschinen verfügt. Er kennt ihr Leiden und sagt: "Wir als Verband werden alles unterstützen, was unseren Bauern hilft." Neben den schlechten Preisen drücken auch gesundheitliche Belastungen die Stimmung. Der Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngern macht krank.

Sechsmal im Jahr müssen konventionelle Bauern spritzen, danach haben sie Atemnot, tagelang Kopfschmerzen, Hautausschläge. In einem Dorf im Südwesten berichten sie, wie der abgesickerte Rest in die nahe Wasserstelle geraten und wertvolles Nutzvieh nach dem Trinken zugrunde gegangen ist. Auch Menschen sollen gestorben sein. "Wer konventionelle Baumwolle herstellt, wird krank", fasst Francois Traore zusammen.

Hoffen auf die Gentechnik

Die Menschen in diesem trockenen Staat fernab der nächsten Küste und von der herannahenden Wüste bedroht, werden immer die Lösung suchen, die ihnen kurzfristig hilft. Nicht wenige hoffen, dass gentechnisch modifizierte Pflanzen das Leben hier verbessern. Monsanto und Syngenta betreiben seit einigen Jahren Versuchsfelder in Burkina Faso. Der Ertrag, so heißt es von Monsanto, sei 20 Prozent höher als mit herkömmlichen Pflanzen. Zudem müssten die Bauern nur noch zweimal jährlich spritzen, was für sie billiger und gesünder ist.

Traore nimmt solche Fakten mit wohlwollendem Interesse zur Kenntnis. Und wenn die Besucher aus dem Westen fragen, ob die Gentechnik-Baumwolle nicht viel zu gefährlich sei wegen ihrer unklaren Folgewirkungen, schaut der Bauernchef empört: "Die T-Shirts aus China sind doch längst voll mit Fasern aus genetisch modifizierten Pflanzen", sagt er, "warum sollten dann ausgerechnet unsere Bauern auf diese Technologie verzichten?"

Fair gehandelte Bio-Baumwolle

Mit dem Einkauf in Deutschland können kritische Konsumenten aber auch einen anderen Weg unterstützen, nämlich jenes Projekt, von dem Bauer Sory bereits heute lebt. In vier Anbauregionen Burkina Fasos betreibt die Bauern-Union gemeinsam mit der Schweizer Hilfsorganisation Helvetas ein so genanntes Bio-Fairtrade-Programm. Die Fasern von dort kommen nun auch auf den deutschen Markt, erkennbar am Fairtrade-Logo, das schon seit längerem auf Kaffee-, Tee-, und Schokoladenpackungen für diese Handelsform wirbt.

110 Millionen Euro wurden hierzulande vergangenes Jahr mit diesen Produkten umgesetzt, Tendenz rapide steigend - eine Botschaft, die Transfair-Geschäftsführer Dieter Overath im November auch den Baumwollbauern in Burkina Faso überlieferte. Overath zeigte den Menschen dort eine Jeans, die mit afrikanischen Fasern gewoben wurde. "Das ist aus dem geworden, was Sie angebaut haben. Bei uns gibt es einen Markt mit fairen Preisen für Ihre Ernte." Die Männer applaudierten, die Frauen sangen.

Immer Bauern wollen umstellen

Tatsächlich bedeutet das Fairtrade-Bio-Programm für die Menschen spürbare Vorteile. Pro Kilogramm Ware erhalten sie eine Prämie von fünf Cent, die sie in Brunnen, Schulbänke und Medikamentensilos investieren. In den ersten drei Jahren hat es einen regelrechten Run auf diese Anbauform gegeben, erntete man vor drei Jahren noch 12,5 Tonnen organisch angebauter Baumwolle im ganzen Land, so werden es diesmal wohl gut 1100 Tonnen sein.

Es gibt Wartelisten von Dörfern, wo die Landwirte auch den Bio-Anbau lernen möchten, es aber an Technikern für die Vermittlung fehlt. Die Hilfsorganisationen sensibilisieren die Bio-Bauern zudem für den Kampf gegen HIV und ausbeutende Kinderarbeit. "Fairer Handel hat bei uns die Lebensqualität deutlich verbessert", sagt Aboulaye Ouedraogo von Helvetas. Allerdings erst für eine kleine Minderheit: Knapp 3000 Bauern ernten in der laufenden Kampagne fair gehandelte Bio-Fasern - 3000 von drei Millionen.