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Bush-Berater: "Rumsfeld ist gefährlich"

Als Stabschef unter Colin Powell im US-Außenministerium erlebte Lawrence Wilkerson, wie George W. Bush in den Irak-Krieg zog. Jetzt packt der Insider aus und berichtet von haarsträubenden Zuständen in der Führung des Landes.

Oberst a.D. Lawrence Wilkerson trat mit der Berufung von Condoleezza Rice zur Außenministerin Anfang dieses Jahres zurück. Im Interview mit dem stern spricht er zum ersten Mal öffentlich über seine Erfahrungen.

Herr Wilkerson, warum haben Sie sich entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Es war wohl mein schlechtes Gewissen. Ich ging meine Notizen durch, eine Vorbereitung für Lehrveranstaltungen, die ich gebe. Und das Bild, das da entstand, war gar nicht gut. Dann musste ich mich entscheiden, ob ich schweige oder nicht.

Welcher Tag war der Schlimmste in Ihrer Amtszeit?

Der 5. Februar 2003. Die Präsentation vor dem Weltsicherheitsrat. Es war der absolute Tiefpunkt meines Lebens. Damals versuchte Colin Powell den Beweis zu führen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen habe. Nicht sehr überzeugend. Ich war verantwortlich für die Zusammenstellung des Vortrages. Und er war absolut falsch.

Wurden Colin Powell und Sie belogen?

Ich kann einfach nicht glauben, dass man den Außenminister belog. Nein, wir haben doch alle versagt. Auch die Geheimdienste. Wir erlagen alle einem Gruppendenken. Wir dachten, Saddam hätte diese Waffen. Wir hatten ja auch Informationen von den Franzosen, auch von den Deutschen. Doch fast mehr noch schäme ich mich dafür, wie wir unsere Gefangenen behandeln. Es hieß doch immer, nach der Genfer Konvention. Doch das glatte Gegenteil war der Fall. Wir haben gefoltert. Auf faktische Anweisung des Verteidigungsministers und entgegen aller Dienstvorschriften der Armee. Und in zehn Jahren, wenn wir die ganze Wahrheit wissen, dann wird sich das ganze Land schämen."

In welchem Klima konnte das alles passieren?

Es ist eine Intrige. Eine Intrige von Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld. Immer wieder unterliefen sie dem normalen Entscheidungsprozeß. Die wichtigen Entscheidungen wurden heimlich getroffen. Von Cheney und von Rumsfeld. Diese Entscheidungen, etwa in Bezug auf den Irak-Krieg, sind sehr gefährlich für unsere nationale Sicherheit. Und das bei einem Präsidenten, der nicht sehr versiert ist, was Außenpolitik betrifft, und auch nicht sonderlich interessiert. Und so entwickelte sich eine Intrige im Weißen Haus. In meinem ganzen Arbeitsleben habe ich noch nie solche Fehltritte, Verfälschungen und Störmanöver erlebt.

Welche sind das?

Man ging etwa allen Ernstes davon aus, man könne im Irak innerhalb von 120 Tagen eine stabile Regierung schaffen, einen Präsidenten installieren. Es gab keinen Plan für den Irak. Ich habe an geheimen Sitzungen teilgenommen, nach denen man sich nur die Haare raufen konnte.

Haben Sie ein Beispiel?

Es war vor dem Irak-Krieg. Eine Sitzung im Lagezentrum des Weißen Hauses. Der stellvertretende Verteidigungsminister Douglas Feith hatte angebliche Geheimdienst-Informationen. Jeder wusste sofort, dass es sich um Blödsinn handelte, völlig unseriös. Doch Feith sprach, als ob es sich um das Wort Gottes handelte, die absolute Wahrheit. Und alle schwiegen. Es war einfach unglaublich.

Dougals Feith war bis Anfang dieses Jahres die Nummer Drei im Pentagon. Er war zuständig für die gesamte Nachkriegsstrategie im Irak. Ich habe selten einen dümmeren Menschen getroffen. Bei solchen Leuten gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder sind sie hochtrabend arrogant. Oder sie haben überhaupt keine Ahnung von dem, was in der Welt vor sich geht. Und beides ist fürchterlich.

Welche Rolle spielt Vizepräsident Richard Cheney in der Intrige?

Es ist mir ein absolutes Rätsel, was aus diesem Mann geworden ist. Ich habe früher unter Cheney gearbeitet, als er noch Verteidigungsminister war, und er war ein guter Minister. Doch heute ist er ein vollkommen anderer Mensch. Manche sprechen sogar von einer Paranoia im Zusammenhang mit dem 11. September.

Warum unternimmt Präsident Bush nichts?

Ich glaube, viele Entscheidungen liefen unterhalb des Radarschirms ab. Von ihnen wusste Bush nichts. Und das ist schon schlimm genug. So wird unsere Außenpolitik ja immer militaristischer. Bush hätte Verteidigungsminister Rumsfeld schon lange feuern müssen. Dieser Mann ist gefährlich.

Wie erlebten Sie Condoleezza Rice, die damalige Nationale Sicherheitsberaterin?

Der Nationale Sicherheitsbrater hat die Aufgabe, verschiedene Positionen und Interessen zu bündeln. Er soll eine Art Schiedsrichter sein. Sicher wurde Condolezza von Männern wie Cheney und Rumsfeld manchmal einfach plattgemacht. Doch Frau Rice war vor allem viel zu sehr damit beschäftigt, vertrauliche Nähe zum Präsidenten zu suchen. Sie wollte in den inneren Zirkel. Sie sah immer so aus, als wolle sie nur Macht. Ihre Augen waren immer etwas zu hungrig. Und sie hat es ja schon bis zur Außenministerin gebracht.

Wird jetzt im Weißen Haus an einem neuen Kriegs-Szenario gebastelt, etwa an einem Militäreinsatz gegen den Iran?

Im Iran entwickelt sich eine sehr gefährliche Lage. Die Äußerungen des iranischen Präsidenten... ... der fordert, Israel müsse ausradiert werden.... ... all das ist sehr gefährlich. Dazu gehören auch die nuklearen Ambitionen. Aber wir haben vier Jahre lang gar nichts gemacht, um eine politische Lösung zu finden. Daran ist auch der Präsident schuld. An eine von den USA inszenierte Militäroperation glaube ich persönlich nicht. Ich habe Jahrzehnte in der Armee gedient. Ich weiß, wie überlastet sie allein mit dem Irak-Krieg ist. Es sei denn, der Iran begeht eine Dummheit. Dann müssen wir reagieren, vielleicht auch militärisch. Doch dies würde dann nicht nur die USA betreffen.

Lassen sie mich noch sagen, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu den wichtigsten in der Welt gehören. Ich mag Deutschland und einige meiner besten Freunde sind Deutsche. Ich hoffe, dass ein neuer Kanzler und ein neuer Präsident die Beziehungen wieder kitten kann. Neulich sprach ich mit einem hochgestellten Mitarbeiter des Außenministeriums. Ich fragte ihn nach dem Irak. Er schaute mich nur erstaunt an und sagte, man habe nichts zu tun mit dem Irak. Das machen andere, meinte er. Er riet mir, ich solle mich ans Pentagon wenden.

Interview: Katja Gloger, Washington

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