China "Beben kann Regime nicht erschüttern"


Zu Kaisers Zeiten galten Naturkatastrophen in China als "Zeichen des Himmels", als Vorboten eines Umsturzes. Auch heute ist diese Vorstellung im Reich der Mitte noch weit verbreitet. Im stern.de-Interview warnt China-Experte Hans Kühner dennoch davor, die politischen Folgen des Erdbebens zu überschätzen.

Das letzte verheerende Erdbeben in China vor 32 Jahren beendete die Kulturrevolution und führte zum Wechsel an der Staatsspitze. Wird das jüngste Beben der chinesischen Führung auch gefährlich?

Politisch ist das Erdbeben keine Gefahr, in China droht kein Umsturz. Die Führung ist erst vor kurzem neu installiert worden. Die Regierenden sind für chinesische Verhältnisse relativ jung und haben noch einige Jahre im Amt vor sich. Der Machtkampf in der Partei, der 1976 auch militärisch ausgetragen wurde, läuft heute nur in sehr zivilisierten Umgangsformen ab. Darüber hinaus gibt es zwar unzählige kleine Unruhen, große Probleme in Tibet und Bauernproteste auf dem Land. Diese "Aufstände" sind aber alle nicht miteinander verbunden und nicht zentral organisiert. Weder sie noch das Erdbeben können das Regime erschüttern.

Derzeit wird in Berichten angedeutet, die abergläubischen Chinesen könnten in der Naturkatastrophe einen Fingerzeig des Himmels sehen, der das göttliche Mandat der Regierenden beendet. Existiert diese Sichtweise wirklich?

In der Kaiserzeit sahen Chinesen Naturphänomene jeglicher Art - das konnten Erdbeben sein oder die Tatsache, dass irgendwo in diesem riesigen Reich ein Kalb mit fünf Beinen geboren wurde - als Vorzeichen für ein Unglück auf politischer Ebene. Diese sogenannten Omina kündigten an, dass der Himmel nicht damit einverstanden war, wie die Herrschenden regierten. Sie dienten dann als Signal für einen Aufstand, weil in der chinesischen Philosophie die menschliche Gesellschaft, das politische System und der ganze Kosmos unmittelbar miteinander kommunizieren.

Sind diese Vorstellungen heute noch von Bedeutung?

Nein, sie spielen nur noch im Unterbewusstsein der Chinesen eine Rolle. Das ist wie mit der Zahl 13 bei uns, die mit Unglück verbunden ist: Die Menschen beschleicht so ein Gefühl, dass sich irgendetwas zum Schlechten verändert. Aber niemand wird offen zugeben, dass er diesen abergläubischen Vorstellungen noch anhängt.

Wenn schon niemand mehr an "göttliche Mandate" glaubt: Worauf stützt Chinas Regime seinen Führungsanspruch?

Die entscheidende Rolle spielen hier 60 Jahre kommunistische Herrschaft, Unterdrückung und Indoktrination. Die Bevölkerung ist gegenüber diesem Regime schlicht machtlos. Es gibt keine legale Opposition und keine unabhängige Presse. Auch die Dissidentenszene in China ist sehr schwach und auf kleine Kreise von Intellektuellen beschränkt. Das alles ist tief ins Bewusstsein der Chinesen eingedrungen.

Während der Schneekatastrophe im Januar wirkte Chinas Führung hilflos und überfordert, diesmal scheint sie gut organisiert. Hat die Regierung dazugelernt?

Die Chinesen haben viel Erfahrung damit, wie man die Folgen von Naturkatastrophen lindert, sodass der Regierungsapparat in den ersten Tagen eigentlich immer relativ kompetent reagiert. Die Überforderung im Januar kam wahrscheinlich daher, dass China mit Schneestürmen sehr wenig Erfahrung hatte und die Katastrophe sie völlig unvorbereitet traf. Das eigentliche Problem bei Katastrophen ist in China eher, dass viele Spendengelder und Hilfsgüter nicht bei den Betroffenen ankommen, weil sie von den Verantwortlichen unterschlagen werden.

Kurz nach der Katastrophe hat China angekündigt, alle Beamten hinzurichten, die Spendengelder abzweigen. Reicht das nicht als Abschreckung?

Diese Drohungen kenne ich schon, seit ich mich mit China beschäftige. In den chinesischen Zeitungen steht seit Jahren, dass die Führung das Korruptions-Problem erkannt habe und seine Lösung unmittelbar bevorstehe. Ich kann das leider nicht mehr glauben.

Interview: Christoph Schäfer

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