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China: "Endlich zum normalen Leben zurückkehren"

Der größte internationale Event in Chinas Geschichte ist vorbei, die olympische Flamme erloschen. Während sich viele erst einmal ausruhen, debattieren Wissenschaftler und Journalisten: Was muss sich ändern in diesem Land?

Von Adrian Geiges, Peking

Die chinesische Presse überschlägt sich mit begeisterten Kommentaren über die Spiele. Vor allem die Bemerkung von Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, es seien "außergewöhnliche Spiele" gewesen, wird als Ritterschlag interpretiert: Die besten olympischen Spiele, die es je gegeben hat.

Darum war es von vornherein gegangen: China, einst von den Kolonialmächten als "der kranke Mann von Asien" verhöhnt, erlangt wieder Gesicht. Das Entwicklungsland baute bessere Stadien und organisierte perfekter als Griechen oder Australier. Doch junge Intellektuelle debattieren in Blogs und privaten Runden, ob es nicht Zeit sei, diesen historischen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden: "Warum fühlen wir uns erst bestätigt, wenn Ausländer uns loben, und geraten in Wut, wenn sie uns kritisieren?", fragt eine Pekinger Journalistin.

An schnelle Veränderungen zu mehr Pressefreiheit glaubt keiner

Gedruckt wird so etwas nur selten. Und an schnelle Veränderungen zu mehr Pressefreiheit glaubt keiner. Auch nicht Hung Huang, Herausgeberin von Szenezeitschriften wie"iLook" und "TimeOut": "Olympia hat unseren Führern sehr viel Gesicht gegeben", sagt sie. "Sie werden eine Weile darauf herumreiten." Hung ist bekannt dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie ist allerdings auch nicht die durchschnittliche Chinesin von nebenan: Ihre Mutter war Maos Englisch-Dolmetscherin, ihr Stiefvater Außenminister. Sie selbst gehörte in den 1970er Jahren zu den "kleinen Rotgardisten in den USA", als Teenager von Mao dorthin geschickt, um Sprache und Gewohnheiten des "Klassenfeinds" zu studieren. Seither vergleicht sie die beiden Welten und sagt jetzt etwa: "Wir haben keine Kultur, die Pro-Veränderung ist. Es liegt in Chinas Natur, dass wir herausgefordert werden müssen, um etwas zu verändern. Zu den Wirtschaftsreformen etwa kam es, weil wir verzweifelt arm waren."

Shen Dingli, Professor für internationale Beziehungen an der renommierten Shanghaier Fudan-Universität, ist optimistisch für die langfristige Entwicklung. "Die Olympischen Spiele sind ein guter Start für uns darüber nachzudenken wo China stark ist - und wo schwach", sagt er. "Mit seinem steigenden Wohlstand erreicht China ein Stadium, in dem es mehr Transparenz, gute Führung und Verantwortlichkeit braucht." Das mit den Spielen gewachsene nationale Selbstbewusstsein werde helfen, "China zu einem normaleren Land zu machen".

Prämie von 35.000 Euro bekommen

Viele freuen sich, dass die Spiele vorbei sind. Die Parteiführung, weil alles gut über die Bühne gegangen ist und größere Zwischenfälle ausblieben. Aber auch die einfachen Pekinger. "Olympia hat Spaß gemacht, aber jetzt möchte ich einfach zu meinem alten Leben zurückkehren", sagt der Rentner Zhang Yiwen. Li Hongguo, ein kleiner Beamter, der in den letzten Wochen als Nachbarschaftswächter auf der Straße patrouillierte, meint: "Endlich kann ich ausruhen und muss nicht mehr am Wochenende arbeiten." Der Nachtklub Obiwan hat sogar einen Werbespruch daraus gemacht: "Gott sei Dank, es ist vorbei", lautet er. "Jetzt können wir alle endlich zum normalen Pekinger Leben zurückkehren (was auch immer das sein mag!)"

Jeder Goldmedaillengewinner hat eine Prämie von umgerechnet etwa 35.000 Euro bekommen, eine Menge Geld in China. Doch selbst die staatlichen Medien schreiben jetzt, dass endlich mehr Mittel in den Breitensport gesteckt werden müssen. Die "Pekinger Nachrichten" bezweifeln, ob man China bereits als Sport-Superpower bezeichnen kann: "Die wirkliche Frage ist, ob nach dem Durchbruch bei den Goldmedaillen die ganze Gesellschaft gesund und glücklich wird." Eine Untersuchung von Chinas Generalverwaltung für Sport hat ergeben: In China gibt es nur knapp sieben Sportanlagen auf 10.000 Bürger, während es etwa in Japan 200 sind. Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua fordert: "China muss den Goldmedaillenrausch jetzt in einen Sportrausch verwandeln."

Eine andere Frage wird sein, wie es mit Umweltschutz weitergeht und ob Peking wieder im Smog versinken wird. Es ist zu früh sie zu beantworten. Denn die Fahrverbote für täglich abwechselnd die Autos mit geraden beziehungsweise ungeraden Nummern gelten weiter bis zum 20. September - bis nach den Paralympischen Spiele.