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Pandemie in Brasilien Kühlcontainer voller Leichen, Massengräber auf den Friedhöfen: Am Amazonas ist die Lage "wie im Horrorfilm"

Corona Ärzte in Manaus
Pfleger und Ärzte des Joao Lucio Hospital in Manaus müssen improvisieren, um die vielen Toten lagern zu können
© Michael Dantas / AFP
Die ohnehin wenigen Intensivbetten sind alle belegt, dabei steht dem Amazonas-Gebiet der Höhepunkt der Corona-Pandemie noch bevor. Der Bürgemeister von Manaus spricht von einem "Katastrophenzustand", doch Hilfe lässt auf sich warten.

Überfüllte Krankenhäuser, Kühlcontainer voller Leichen, Massengräber auf den Friedhöfen – die Corona-Pandemie hat die Metropole Manaus im brasilianischen Bundesstaat Amazonas ins Chaos gestürzt. "Man kommt sich vor wie in einem Horrorfilm", sagt Arthur Virgílio Neto, Bürgermeister der Hauptstadt des Bundesstaates im Norden Brasiliens. Besonders anfällig für das Virus sind zudem die Ureinwohner in dem riesigen Gebiet.

Corona-Höhepunkt erst im Juni?

Die 50 Intensivbetten in Manaus - eine lächerlich geringe Zahl für eine Stadt von 1,7 Millionen Einwohnern - sind alle belegt. Dabei steht Brasilien der Höhepunkt der Pandemie erst noch bevor. Er wird für Mai oder sogar erst Juni erwartet. "Man kann nicht mehr von einem Notstand sprechen, das ist ein absoluter Katastrophenzustand", sagt der Bürgermeister.

Der Bundesstaat Amazonas umfasst ein gigantisches Gebiet von 1,5 Millionen Quadratkilometern und steht offiziell auf Rang fünf der Corona-Statistik der brasilianischen Bundesstaaten. Für ganz Brasilien wurden zuletzt mehr als 3300 Todesfälle gemeldet, darunter ein großer Anteil im Bundesstaat Sao Paulo. Doch die Dunkelziffern dürften sehr hoch sein.

Fast fünf Mal so viele Tote in Manaus

In normalen Zeiten scheiden in Manaus täglich 20 bis 30 Menschen aus dem Leben. Doch infolge der Pandemie ist die Sterblichkeitsrate regelrecht explodiert, heißt es aus dem Rathaus. Mehr als 100 Menschen jeden Tag – so viele wie in keiner anderen der 27 Bundeshauptstädte Brasiliens. "Viele Menschen sterben zu Hause, einige konnten keine medizinische Hilfe erhalten", so der Bürgermeister bedauernd.

Sterben die Infizierten außerhalb der Krankenhäuser, haben ihre Angehörigen große Schwierigkeiten, ihre Leichen abholen zu lassen. "Bisher ist niemand gekommen, um mir zu sagen, was ich tun soll. Und ich weiß nicht, wie ich meine Großmutter beerdigen soll", erzählt Rita Alencar.

Auf dem Friedhof Parque Tarumã wurden Massengräber angelegt, um der Zahl der Corona-Opfer Herr zu werden. Auf im Internet geteilten Videos ist zu sehen, wie sich die Leichenwagen vor den Friedhöfen stauen. "Mehrere Friedhofsmitarbeiter sind krank geworden, einige sind sogar am Coronavirus gestorben", erzählt der Bürgermeister. Er hat nun die Bundesregierung um zusätzliche finanzielle Mittel gebeten. Die Not ist so groß, dass er sogar erwägt, andere Länder um Hilfe zu bitten. Ein provisorisches Krankenhaus wurde vergangene Woche eingeweiht, Ärzte aus dem ganzen Land wurden zur Verstärkung nach Manaus gerufen.

In den Krankenhäusern fehlt es an allem

Bernardo Albuquerque, Spezialist für Infektionskrankheiten an der Universität von Amazonas (UFAM), stuft die Lage als "äußerst besorgniserregend" ein. Das Gesundheitssystem sei nicht in der Lage, die wachsende Zahl schwer erkrankter Patienten zu bewältigen, sagt er. Neben Intensivbetten fehlt es in den Krankenhäusern auch an Schutzausrüstung, Medikamenten und Röntgengeräten.

Zudem verfügt der Bundesstaat über ein stark zentralisiertes Gesundheitssystem: Sämtliche Intensivstationen befinden sich in Manaus. Auch 80 Prozent der Ärzte, die Corona-Patienten überhaupt behandeln können, praktizieren in der Hauptstadt. Die Erkrankten sind also gezwungen, sich dort behandeln zu lassen. Manche sind dafür tagelang mit dem Boot unterwegs. "Die meisten Dörfer sind nur über den Wasserweg an Manaus angebunden. Es gibt nur sehr wenige Flugverbindungen", erklärt Albuquerque. "Wenn der Patient es schafft, lebend hier anzukommen, befindet er sich oft in einem beklagenswerten Zustand. Und es gibt keine Garantie, dass er geheilt werden kann. Die Lage ist dramatisch", ergänzt der Bürgermeister.

Ureinwohner fürchten das Virus

Noch besorgniserregender ist die Lage für die Ureinwohner, die besonders anfällig für Viren von außerhalb sind. Drei von ihnen starben bereits an der Lungenkrankheit Covid-19. Für die indigene Bevölkerung soll nun eigens ein provisorisches Krankenhaus in Manaus mit Bundesmitteln gebaut werden.

Die Regierung in Brasilia hat bislang keine Antwort auf die haarsträubenden Probleme im Amazonas-Gebiet. Der neue Gesundheitsminister Nelson Teich ging auf seiner ersten Pressekonferenz nicht auf die kritische Lage ein, kündigte im Gegenteil Lockerungen der Einschränkungen an. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hatte erst vor wenigen Tagen Teich Vorgänger entlassen, weil der für Ausgangsbeschränkungen und Schutzmaßnahmen plädierte. Der Rechtspopulist Bolsonaro gilt als "Corona-Skeptiker" und will möglichst schnell wieder zur Normalität zurückkehren.

nik AFP DPA

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