Die Bundeswehr in Afghanistan Einsätze außerhalb des Mandatsgebiets


In seinem Buch beschreibt Achim Wohlgethan, wie er und drei deutsche Fernspäh-Soldaten mit Wissen von Vorgesetzten außerhalb des Mandatsgebietes der Bundeswehr in Afghanistan operierten.

Die Schilderungen des Elitesoldaten haben politische Brisanz

Wohlgethan wurde ab April 2002 bei der unter deutschem Befehl stehenden Kabul-Brigade der Internationalen Sicherheitsbeistandstruppe Isaf eingesetzt - zunächst vor allem für Sonderaufgaben wie "operative Aufklärung sowie Observation" bei der für militärisches Nachrichtenwesen zuständigen Abteilung "J2". Dies belegen Bundeswehr-Dokumente. Der Chef der Abteilung, ein Bundeswehr-Major, habe ihn vor mehreren Offizieren aufgefordert, außerhalb des festgelegten Einsatzgebietes zu operieren, behauptet Wohlgethan. "Und das habe ich gemacht." Die sogenannte Area of Responsibility (AOR), also das Gebiet, in dem die Isaf-Kräfte der Bundeswehr damals im Großraum Kabul operieren durften, war genau definiert.

Unter dieser Prämisse hatte der Deutsche Bundestag Ende 2001 das Bundeswehrmandat erteilt, um so den Isaf-Einsatz für die Vereinten Nationen von der amerikanisch geführten Antiterroroperation "Enduring Freedom" (OEF) im Rest des Landes abzugrenzen. Insgesamt habe er "mindestens ein Dutzend Mal" außerhalb des vorgeschriebenen Mandatsgebietes agiert, behauptet nun Wohlgethan, "und zwar bis zu 70 Kilometer entfernt von der Außengrenze" (siehe Karte). Die Ergebnisse seien von Vorgesetzten "mit wissendem Lächeln" registriert worden. Zum Beispiel nach Aufklärungsmissionen der niederländischen "Korps Commandotroepen“ (KCT). Zu dieser Spezialeinheit hatte die Bundeswehr mindestens drei deutsche Fernspäher sowie Wohlgethan abgestellt. Der wurde in das "Team 4.11" der KCT-Kompanie 104 integriert, Hochgebirgsspezialisten für Antiterroreinsätze, die besonders geheime Aufträge der Kabul-Brigade durchführten. Außerhalb der Isaf-Einsatzzone sahen sie sich mal in 4500 Meter Höhe bewaffneten Afghanen gegenüber, mal erspähten sie den Terrordrahtzieher Gulbuddin Hekmatjar.

Ein "großartiger Kollege"

Auch als Anfang August 2002 mindestens zwölf Afghanen in einem Feuergefecht südlich von Kabul erschossen wurden, war Wohlgethan mit zwei KCT-Teams vor Ort, bis ein CIA-Mann sie wegschickte. Besorgt verlangte ein Rechtsberater der deutschen Kabul-Brigade Bericht - schließlich war da ein Bundeswehrsoldat bei einer geheim operierenden Spezialeinheit eines anderen Staates möglicherweise in einen ungeklärten Fall mit etlichen Toten verwickelt. Achim Wohlgethan beschreibt zudem, wie er in Afghanistan für den Militärischen Abschirmdienst (MAD) arbeitete. Der MAD soll eigentlich deutsche Truppen vor Spionage und Zersetzung abschirmen. Er darf laut MAD-Gesetz erst seit 2004 überhaupt im Ausland operieren, und dies nur innerhalb dortiger Bundeswehr-Liegenschaften - alles andere ist Sache des Bundesnachrichtendienstes. Wohlgethan indes behauptet, uniformierte deutsche MAD-Geheimdienstler hätten im Juli 2002 riskante Operationen gegen angebliche Waffenhändler und -labors in Kabul durchgeführt. Dabei hätten er sowie Fernspäher der Bundeswehr mitgemacht. Viel spricht dafür, dass die Schilderungen kein Landser-Latein sind. Wohlgethan wird in Dokumenten der Bundeswehr und des niederländischen Heeres besonders gelobt: Der Kommandeur der KCT nennt ihn "unseren großartigen Kollegen von der deutschen Fallschirmjäger-Spezial-Einheit", sein Kompaniechef bei der Bundeswehr urteilt, Wohlgethan habe in Afghanistan "sehr komplexe Zusammenhänge mit politischer Dimension im Sinne der militärischen Führung" umgesetzt.

Uli Rauss, Franziska Reich

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