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Präsidentschafts-Biografie: Trump ist der Kopf einer Räuberbande, der die USA in den Untergang führt

Der Sensationserfolg "Fire and Fury" ist knalliger, dafür ist das jetzt auf Deutsch erschienene Buch "Trump im Amt" von beängstigender Präzision. Die Gesamtschau von Mensch und Präsident Donald Trump zieht Wucht aus seiner Sachlichkeit.

Framing: Mit diesem rhetorischen Mittel verbreitet Trump seine Botschaften

"Trump hat ein lächerlich großes Ego. Es geht ihm nur ums Gewinnen und was ist der größte Preis? Die amerikanische Präsidentschaft. Als routinierter Hochstapler kann er Leuten alles verkaufen." So hat der US-Investigativjournalist David Cay Johnston den US-Präsidenten vor rund anderthalb Jahren in seinem Buch "Die Akte Trump" beschrieben. Nun legt der Autor einen Nachfolgeband vor: "Trump im Amt" (jetzt auf Deutsch erschienen) ist wie ein langer Faktencheck, der gerade wegen seiner Unaufgeregtheit so irritiert.

"Donald Trump: erratisch, faul, offen rassistisch"

Inhaltlich mag es wenig Neues bieten, dafür ist es eine sehr gute Gesamtschau der wichtigsten Skandale, der Klagen und Vorwürfe, Halbheiten und Merkwürdigkeiten, Fehltritte und Pleiten, die Trump begleiten.

"Trump verhält sich, wie ich es vorausgesagt habe", sagt Johnston der Nachrichtenagentur DPA: "Zunehmend erratisch, faul - manchmal arbeitet er nur fünf Stunden - und offen rassistisch." Johnston hat die Fakten für sein Buch sehr ruhig zusammengetragen und sämtlich belegt. Das Reißerische und Knallige von "Fire and Fury", das seit Tagen über die USA hinaus hohe Wellen schlägt, liegt dem Werk fern.

"Trump im Amt" ist bei weitem nicht so boulevardesk und viel trockener als das Buch von Michael Wolff. So geballt zusammengestellt, macht es vor dem ersten Jahrestag die schiere Existenz einer Präsidentschaft Trump schwer nachvollziehbar. Johnston, ein mehrfach ausgezeichneter Starjournalist, hatte bereits im August ein Buch über Trump geschrieben, in dem es über die Präsidentschaftskandidatur des Immobilienmilliardärs ging.

"Ein Präsident, ungetrübt von jeglicher Welt-Kenntnis"

In seinem neuen Werk zeichnet Johnston ein mitleidloses Bild von Trump: "Ein Trickbetrüger und bösartiger Narziss mit der emotionalen Reife eines Dreizehnjährigen." Der seine Schulden nicht bezahle, Leute übers Ohr haue, windige Geschäfte liebe, Verbindungen zur Mafia habe. Eine gestörte Persönlichkeit, aufmerksamkeits- und rachsüchtig, ungetrübt von jeglicher Kenntnis von Politik oder Welt.

Alle bisherigen Präsidenten der USA habe geeint, dass sie zumindest auf irgendeine Weise das Wohl der USA und ihrer Bürger im Blick gehabt hätten, schreibt Johnston. "In der Präsidentschaft Trump geht es jedoch einzig und allein um Donald Trump. Punkt. Ende."

Trump habe in Windeseile eine Kleptokratie eingeführt, deren einziges Ziel die Gewinnmaximierung sei. Dabei kenne sich Trump in Finanzökonomie überhaupt nicht aus. Als Belege anhaltender persönlicher Bereicherung dienen Johnston ("Die Akte Trump") unter anderem Gelder aus Trumps Golfclubs und Bauten oder die Verflechtung von Politik und Geschäft im Hotel "Trump International" in der Hauptstadt Washington.

Quälend akribische Schilderungen

Johnston geht in seiner Zusammenstellung das salonlöwenhafte von Michael Wolff gänzlich ab. Ein reicher Anmerkungsapparat schmückt "Trump im Amt". Seine Schilderungen sind mitunter fast quälend akribisch.

Im gesamten Staatsapparat sieht Johnston "politische Termiten" von Trump installiert, um hinderliche Regulierungen abzubauen. Der Pulitzerpreisträger schildert den Abbau ganzer Abteilungen in Ministerien, die Trump politisch nicht mehr genehm waren. Dabei geht es etwa um Arbeitsplatzsicherheit, um Gesundheits- und Umweltschutz, um tiefe Eingriffe in das Justiz- oder das Bildungssystem oder die Demontage der Wissenschaften. Eine Kapitelüberschrift lautet "Geld vor Geist". Im Land der Nobelpreisträger.

Frage: Warum gibt es gegen solchen Umbau vonseiten der Republikaner so wenig Widerstand? Antwort: "Trump ist der Kopf einer Gang. Und diese Milliardärsbande hat klargemacht, dass sie jeden republikanischen Abgeordneten zerstören wird, der sich ihr in den Weg stellt." Johnston sieht das Fortbestehen der republikanischen Partei existenziell bedroht.

In den USA herrschen die Schlechtesten

Die USA seien zu einer Kakistokratie verkommen, einer Herrschaft der Schlechtesten einer Gesellschaft. Das Land stehe nun entweder vor dem Untergang der zweiten Republik oder vor dem Beginn einer neuen Bewegung: mehr Gleichheit, weniger Kriegstreiberei, mehr soziales Verantwortungsgefühl. "Trumps Präsidentschaft hat viele in der Mitte aufgeweckt, ebenso Liberale und Progressive", sagt Johnston, darauf gründe er etwas Optimismus. "Wir werden im November herausfinden, ob sich dieses Erwachen in Wählerstimmen umsetzt." Dann sind Kongresswahlen.

Den Medien wirft Johnston vor, sie zitierten Trump nie ganz, immer nur in Auszügen, weil der Rest so wirr sei. Damit täten sie Trump einen Gefallen, habe die amerikanische Öffentlichkeit doch so keine Ahnung von dem oft zusammenhanglosen Gefasel ihres Präsidenten.

Außenpolitisch fällt Johnstons Urteil wenig besser aus. Trump helfe diktatorischen, autokratischen Regierungen wie in China, Ägypten, Russland, Saudi-Arabien, den Philippinen und der Türkei. "Er hat wiederholt gesagt, dass er Krieg mag und dass er Atomwaffen "natürlich" einsetzen werde. Wenn der Einsatz einer taktischen Atomwaffe seine Präsidentschaft retten würde - Trump würde das im Handumdrehen tun", sagt Johnston.

So viele Menschen fallen auf den Unsinn rein

Seinen Landsleuten mache der Präsident weiter und mit Erfolg ein X für ein U vor, sagt Johnston. "Seit fast 30 Jahren weise ich darauf hin, dass Trump sich seine Realität selber zusammenzimmert, und andere sachkundige Biografen stimmen mir zu. Erstaunlich scheint nur, wie viele Menschen diesem Unsinn auf den Leim gehen. Aber natürlich ist Verleugnung ein starkes menschliches Bedürfnis."

Johnston sagt: "Amerikas Demokratie ist schon sehr viel länger in Gefahr." Dass Millionen für einen "von Fakten unbeleckten Trickbetrüger" gestimmt hätten, sage mehr über Amerika aus als über Trump. Der sei nicht die politische Krankheit, die die USA befallen habe, sondern ihr Symptom.

nik/DPA