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Ebadi-Interview: "Ich wünsche mir einen freien Iran"

Interview mit der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi über die politische Situation im Land und ihre Hoffnung auf Veränderung.

Was halten Sie vom Versuch des Wächterrats, die Wahlen dadurch im Voraus zu entscheiden, indem er die Kandidaten der Reformparteien disqualifiziert hat, weil sie "antiislamische Elemente, Personen mit Mangel an Treue gegenüber der Islamischen Führung, Weintrinker, Opiumraucher" seien?

Die Iraner wollen Demokratie. Dies ist ein sehr einfacher Wunsch. Das ist für Menschen, die eine Revolution gemacht haben, nicht zuviel verlangt. Gegen diesen Willen des Volkes wird Widerstand geleistet, und das macht die Sache schwierig.

Halten Sie dieses Vorgehen für rechtens?

Wenn Sie sich die Debatten zur Verabschiedung unserer Verfassung anschauen, dann werden Sie sehen: Der Wächterrat wurde ins Leben gerufen, damit er die Wahlen beaufsichtige und politische Einmischung in die Kandidatenauswahl verhindere! Anschließend hat später ein konservatives Parlament jenes Gesetz verabschiedet, mit dem der Wächterrat jeden Kandidaten einfach von Wahlen ausschließen kann. Aber dieses Gesetz steht im Widerspruch zum Geist unserer Verfassung! Entweder, es gibt freie Wahlen und jeder kann wählen, wen er will - oder das Ergebnis ist nicht respektabel. Hingegen bei freien Wahlen: Hätten auch bei noch so geringer Wahlbeteiligung die Konservativen gewonnen, so müsste das Ergebnis respektiert werden.

Wenn die Disqualifizierungen nicht aufgehoben werden, die Wahlen aber trotzdem stattfinden...

...dann wird das kommende Parlament keine Legitimation besitzen!

Also würden auch die Gesetze, die dieses Parlament erlässt, für Sie keine Gültigkeit besitzen?

Frau Ebadi nickt

Hat Sie der Nobelpreis persönlich verändert? Hat er ihre Arbeit erleichtert - oder eher erschwert, weil nun jeder Ihrer Schritte noch mehr beobachtet wird?

Nein! Ich bin dieselbe geblieben und mache dasselbe wie vorher - nur die Arbeit ist noch mehr geworden.

Das klerikale Establishment war immer ihr Feind, und selbst Präsident Chatami nörgelte nur, der Friedensnobelpreis sei ja - im Vergleich etwa zum Nobelpreis für Medizin oder Literatur - nicht viel wert. Wer steht eigentlich hinter Ihnen?

Die Leute auf der Straße.

Aber denen wiederum sind Sie oft nicht radikal genug. Auf einer Studentenversammlung beklagten sich Zuhörer, Sie hätten viel zu viel über Islam, viel zu wenig über Rechte geredet.

Ich habe gesagt, was ich immer sage, aber natürlich sind 20jährige hungriger nach Veränderung. Aber was denen zu langsam vorkommt, ist anderen viel zu rasch. An einer anderen Universität mussten mich Studenten schützen vor schlagenden Frauen. Und eine Rede, die zu Aufruhr führt, ist nicht gut.

Was gibt Ihnen angesichts des erneuten Rückschlags und Einknickens der Reformer überhaupt Hoffnung auf Veränderung?

Die Vergangenheit! Ich muss nur zurückdenken, wie es früher war und wie vieles dich trotz allem verändert hat. Jedes Mal, wenn ich meine Hoffnung verliere, denke ich an die Zeit vor 20 Jahren. Schauen Sie, heute sagen selbst religiöse und traditionelle Frauen das, was früher höchstens Feministinnen geäußert haben. Im letzten Parlament haben die Frauen unter den Abgeordneten die schärfsten Reden gehalten. Und ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wenn ich vor 20 Jahren einen Artikel für Frauenrechte geschrieben habe, bin ich jedesmal ein paar Tage lang aus Vorsicht nicht nach Hause gekommen. Und noch vor acht Jahren sagte sogar eine Frau über mich im Parlament zu den Konservativen gewandt: 'Entweder Ihr bringt diese Frau zum Schweigen - oder wir machen das!' Da merken Sie doch, wieviel sich in diesem Land verändert hat, ob mit oder ohne die Reformpolitiker. Es ist die Gesellschaft, die sich verändert.

Was haben Sie erreicht?

Ich bin am stolzesten über das, was wir für Kinder erreicht haben! Mit leeren Händen haben wir vor Jahren die erste iranische Kinderschutzorganisation gegründet, die sich allein in Teheran mittlerweile um 600 Straßenkinder kümmert. Wir haben die erste telefonische Kinder-Hotline eingerichtet, haben erreicht, dass Straftäterinnen unter 18 getrennt von den Erwachsenen im Gefängnis untergebracht werden und haben eine Bibliothek für sie eingerichtet. Und das wichtigste: Ich habe ein Gesetz gegen Kindesmisshandlung verfasst, dem Parlament vorgelegt - und es ist vergangenes Jahr verabschiedet worden.

Vor einigen Tagen gingen Dutzende radikalkonservative Frauen in Teheran auf die Straße und skandierten: "Tod Frankreich! Wir werden bis zum letzten Blutstropfen für das Recht der französischen Schwestern kämpfen, ihr Kopftuch zu tragen!" Was ist Ihre Position dazu?

Ich bin gegen jeden, der sagt: 'Tod denen und jenen!' Dieser Kampf ist ein kultureller Kampf, da müssen die jeweils anderen schon am Leben bleiben, um mit ihnen zu kämpfen...

...aber was halten Sie von der Position der französischen Regierung, Kopftücher aus dem Schulunterricht zu verbannen?

Ich bin gegen dieses Gesetz. Ich persönlich glaube an die Freiheit, lassen Sie die Frauen doch anziehen, was sie wollen! Es ist doch paradox: In islamischen Ländern kämpfen Mädchen und Frauen dafür, den Hejab nicht mehr tragen zu müssen, und in Frankreich demonstrieren sie dafür, ihn tragen zu dürfen. Es ist einfach eine Gegenreaktion auf den Zwang. Lassen Sie die Leute doch so leben, wie sie wollen!

Als Sie in Paris die Nachricht vom Nobelpreis erfuhren, trugen Sie kein Kopftuch, hier aber schon?

Ja, ich halte mich an die Gesetze.

Wo sehen Sie den Iran in zehn oder 15 Jahren?

Das hängt nicht allein von uns ab. Hätten Sie vor 15 Jahren geglaubt, dass die Berliner Mauer fällt und Sie wiedervereinigt werden? Es wird vieles davon abhängen, wie andere Staaten, etwa die USA, sich gegenüber dem Iran verhalten werden.

Gut, was für einen Iran wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir einen freien Iran, der allen Iranern gehört! Ein Volk, dass sich von seinen Regierenden auch vertreten fühlt. Einen Iran, der nicht den Weltspitzenplatz im Exodus der Gehirne einnimmt, den seine Jugend nicht verlassen will.

Wer wird die Gesetze in diesem Iran bestimmen?

Die Leute!

Wovor haben Sie Angst?

Ich habe gelernt, meine Arbeit nicht von Angst beeinflussen zu lassen. Ich bin, vor Jahren schon, zwei Anschlägen auf wundersame Weise entgangen, ich war im Gefängnis, aber wenn Angst mich von meiner Arbeit abhielte, hätte ich schon verloren.

Wo steht eigentlich die Freiheitsstatue, von der Journalisten immer schreiben, wenn sie Ihr Büro erwähnen?

Frau Ebadi steht auf, wandert ihre überbordenden Wandschränke entlang Hier. Handhoch zwischen Büchern Aber das ist nichts Besonderes, ich nehme von jeder Reise, aus jedem Land ein Souvenir mit. Aus Berlin habe ich ein Stück von der Mauer, aber das spannendste Souvenir ist eigentlich dieses Sie nimmt ein eingerahmtes Billig-Handtuch vom Regal Ich wollte gerade das Land verlassen und wurde verhaftet, saß zwei Tage lang in der Zelle, ohne auch nur duschen zu können. Dann hieß es, wenn ich Geld hätte, könnte ich mir ein Handtuch kaufen. Das habe ich getan. Und als ich entlassen wurde, sagten die Wärter: 'Sie haben Ihr Handtuch selbst bezahlt. Es gehört Ihnen!' Jetzt hängt es hier in meinem Büro.

Interview: Christoph Reuter / print