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Ein Jahr nach Fukushima Nobukos Schreibwarenladen


Der Tsunami teilte das Leben in davor und danach. Nobuko Murakami, 68, verlor ihre beste Freundin und ihren Laden. Nun kämpft sie - um Normalität.
Von Manuela Pfohl und Moritz Wohlrab, Kesennuma

Tee trinken, spazieren gehen, über die Neuigkeiten aus der Nachbarschaft reden. Wenn Nobuko Murakami schläft, sieht sie immer wieder die Bilder von Mari und sich. Die Freundin steht neben ihr, als ob nie etwas geschehen wäre, als würde sie im nächsten Augenblick sagen: "Erzähl doch mal, wie geht es dir?" Doch Nobuko kann ihr nichts erzählen. Es ist nur eine hundertmal geträumte Erinnerung an eine Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Eine Welt vor dem 11. März 2011, dem Tag, als der Tsunami über Kesennuma fegte, Nobuko ihr Zuhause verlor und Mari in den Fluten ertrank.

Ein Jahr ist das schon her. Doch Nobuko Murakami kommt es wie gestern vor. Wenn die 68-Jährige dahin geht, wo früher mal ihr Zuhause war, sieht sie einen riesigen Tanker liegen, den die 15 Meter hohen Wellen damals angeschwemmt haben. Das Schiff ist mittlerweile ein beliebtes Motiv für Fernsehteams und Katastrophentouristen. Die Stadt spielt mit dem Gedanken, das Wrack an der Stelle liegen zu lassen und rundherum einen Park zum Gedenken an die 2200 Todesopfer von Kesennuma anzulegen. Nobuko ist gegen diesen Plan. Wenn sie früher hier aus ihrem kleinen Schreibwarenladen nach Hause kam, hat sie ihrem Mann von den Schulkindern erzählt, die Papier und Stifte bei ihr kauften. Die Eheleute haben über den Tag geredet und das Leben, das es so gut mit ihnen meinte. Jetzt sitzt Nobukos Mann meistens stumm da. Und wenn er doch etwas sagt, dann: "Ich sollte tot sein." Niemand, auch kein Gedenkpark, kann dieses Elend vermitteln.

Menschen trösten, Leichen bestatten

Die Seniorin bemüht sich trotzdem nach vorn zu schauen, dem Leben jeden Tag ein Stückchen mehr Normalität abzutrotzen. Ihr Zuhause ist jetzt ein Container. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad. Winzig klein, aber immerhin viel besser, als die Massenunterkunft, in der sie und ihr Mann so lange hausten. Auch die Nachbarn wohnen inzwischen in den Übergangshäusern, die die "Aktion Deutschland hilft" in Kesennuma aufgestellt hat. Notversorgung für die 8000 Einwohner der ostjapanischen Küstenstadt, die nach der gigantischen Naturkatastrophe alles verloren haben. Schon unmittelbar nach dem Unglück hatte die internationale Hilfe für die Opfer des Tsunamis eingesetzt.

Aus Deutschland machen sich wenige Tage später neben vielen anderen auch die Helfer von "World Vision" auf den Weg nach Japan. In der Großstadt Kesennuma und der Kleinstadt Minami Sanriku, die beide in der am schwersten betroffenen Präfektur Myagi liegen, warteten schon die lokalen Partner auf die dringend benötigte Unterstützung. Noch ist das ganze Ausmaß der Zerstörung kaum zu erahnen. Fürs Erste müssen Menschen getröstet, Leichen bestattet, auseinandergerissene Familien wieder zusammengebracht sowie Essen und warme Decken für die Überlebenden organisiert werden. Eine logistische Herausforderung, denn viele Städte und Dörfer sind zunächst gar nicht zu erreichen.

Der Atom-GAU

Erst später wird man feststellen, dass nach dem schwersten Erdbeben in der Geschichte Japans und dem darauf folgenden Tsunami weite Teile der Nordostküste überflutet sind. Fast 20.000 Menschen haben ihr Leben verloren. Und: Im vom Tsunami schwer zerstörten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist es zum Super-GAU gekommen. Drei der sechs Reaktoren sind außer Kontrolle geraten. Kühlsysteme und Stromversorgung ausgefallen, die Brennstäbe im Kern der Reaktoren haben zu schmelzen begonnen. Mehrere Explosionen zerfetzen die Reaktorgebäude. Das Containment, also die Betonumhüllung des Reaktorkerns, bekommt Risse. Auch in Reaktor Nummer vier kommt es zu einer Explosion. Die Becken mit hochradioaktiven, abgebrannten Brennelementen liegen unter freiem Himmel. Das Wasser darin verkocht, weil die Kühlung nicht mehr funktioniert, zum Teil lecken sie. Mit Feuerwehrschläuchen und Pumpen versuchen Rettungsmannschaften unter Inkaufnahme hoher Strahlendosen, Brennelemente und das Innere der Reaktoren zu kühlen.

In der Präfektur Myagi haben die Atomexperten zwei Tage nach dem Unfall eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen. Die internationalen Helfer müssen um ihr Leben fürchten. Viele bleiben trotzdem.

Die Region um die Unglücksreaktoren allerdings muss evakuiert werden. Erst 20 Kilometer, dann 30. Sogar im 240 Kilometer entfernten Tokio sind Lebensmittel verseucht. Tepco, der Betreiber des AKW, versucht dennoch in den folgenden Monaten das Ausmaß des Reaktorunglücks herunterzuspielen. Experten überall auf der Welt sind darüber entsetzt. Nobuko Murikami hofft, dass alles doch nur ein böser Traum ist. Sie hofft vergebens.

Wiederaufbau der Fischindustrie

Jetzt, ein Jahr danach, steht im Containerdorf auch eine große Gemeinschaftsküche, in der die Frauen manchmal gemeinsam kochen, ihre Sorgen teilen und auch die ersten zaghaften Zukunftspläne schmieden. Alltag kehrt ein. Die Kinder gehen wieder zur Schule. Überall wird gebaut. Einige der Männer haben Arbeit gefunden. Vor allem in den mit internationaler Hilfe halbwegs wieder aufgebauten oder neu errichteten Fischverarbeitungsbetrieben. "Da die Fischindustrie das wirtschaftliche Fundament dieser Region ist, fanden wir es sinnvoll, diesen Bereich zu unterstützen und damit denjenigen, die ihre Arbeit verloren, wieder eine Lebensgrundlage zu geben", erklärt Ryochiro Mochizuki, Leiter des Existenzsicherungsprogramms von "World Vision" Japan. Allein in Kesennuma sind 80 Prozent der Bewohner für ihren Lebensunterhalt auf die mit Fischerei verbundene Industrie angewiesen. Der Fisch-Markt hat zwar seit Juni wieder geöffnet, allerdings ist er viel kleiner als vorher, weil wichtige Einrichtungen für die Fischwirtschaft sich noch nicht voll erholt haben. Trotzdem: Viele Menschen haben neue Hoffnung geschöpft und die Gemeinschaft ist in ihrer Überzeugung gestärkt: Wir schaffen das. Dringend notwendiger Zweckoptimismus, um zu ertragen, was sonst nicht zu ertragen wäre.

Trümmer des Lebens

Daran, dass es neben den Tsunamifolgen auch noch die Folgen des Super GAUs von Fukushima gibt, mag hier kaum jemand denken. Die Kraft reicht einfach nicht für Wahrheiten, wie die, dass Fukushima auf der INES-Skala als "katastrophaler Unfall" der höchsten Stufe 7 geführt wird, was nach Ansicht internationaler Wissenschaftler gesundheitliche Spätschäden im weiten Umfeld und in mehreren Ländern erwarten lässt.

Wer kann es nach all dem Schrecklichen der vergangenen Monate noch ertragen, zu erfahren, dass im Verlauf der Katastrophe und der Rettungsarbeiten Tausende Tonnen zum Teil hochradioaktives Wasser in den Pazifik geflossen sind und Tepco mehrfach radioaktiven Dampf aus den Rektoren abgelassen hat, den der Wind zum Teil aufs Meer geblasen hat, während der Rest in einem Bogen über Japan hinweg zog. Da kommt es vielen gerade recht, dass die japanische Regierung ein ums andere Mal erklärt, das havarierte Kraftwerk sei inzwischen unter Kontrolle. Auch Nobuko hat das Reaktorunglück weitgehend ausgeblendet. Sie will sich von den Trümmern ihres früheren Lebens nicht erdrücken lassen.

Schadensersatz und Armut

Nicht von den Gedanken an ihr zerstörtes Haus und den Laden, nicht von der Trauer um ihre Freundin Mari, nicht von dem Gedanken daran, dass sie und ihr Mann den Rest ihres Lebens nahezu mittellos sein werden, während 42 Aktionäre von Tepco den Energiekonzern auf rund 55 Milliarden Euro Schadenersatz verklagt haben und gute Chancen sehen, für den ausfallenden Gewinn "entschädigt" zu werden.

Doch nun, am Jahrestag der Katastrophe, da alle Welt wieder über die Katastrophe redet, drängen auch ihre Gedanken mit Macht in die Vergangenheit. In ihren kleinen Schreibwarenladen, in dem sie am 11. März 2011 um die Mittagszeit zusammen mit ein paar Kunden steht, als die Erde zu beben beginnt, der Strom ausfällt und viele Tsunami-Warnstationen ihren Geist aufgeben. Sie denkt daran, wie sie nach Hause eilt, hastig nach einigen Andenken, Geld und dem Führerschein greift und mit ihrem Mann bergauf zum naheliegenden Bahnhof rennt. Wie sie sagt: "Lass meine Hand nicht los, lass meine Hand nicht los", und wie vom Fluss und vom Meer gleichzeitig die Wassermassen immer näher kommen. Eine schwarze Wand, die Autos verschluckt, Bäume und Häuser - und die Schreie der Menschen, die es nicht mehr schaffen, ihr zu entfliehen.


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