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Ein Selbstmord wühlt Griechenland auf: "Wir werden unsere Heimat zurückgewinnen"

Der Selbstmord eines Rentners auf dem Syntagmaplatz in Athen zeigt: Die Griechen kämpfen gegen den Verlust ihrer Würde und ihrer Heimat. Die Krise hat die Hellenen fest im Griff.

Von Natalia Sakkatou, Athen

Es geschah an einem ganz normalen Tag, morgens um 9 Uhr, mitten in Athen. Der 77-jährige Dimitris Christoulas hat sich durch einen Schuss selbst getötet. Mitten im Herzen Athens, nur 50 Meter vom griechischen Parlament entfernt, und vor den Augen der Passanten nahm er sich das Leben.

Dimitris Christoulas war von Beruf Apotheker und schon seit Jahren in Rente. Der Entschluss, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, muss wohl überlegt gewesen sein, denn am Vortag beglich er noch im Voraus die Nebenkosten für seine Wohnung sowie andere offene Rechnungen. Am Morgen des 4. April 2012 schließlich nahm er die Metro vom Stadteil Ambelokipi, wo er mehr als 40 Jahre lebte, ins Zentrum, stieg am Syntagma aus, ging auf den Platz, in den Schatten eines Baumes und setzte seinem Leben durch einen Kopfschuss ein Ende.

"Ich finde keine andere Lösung ..."

Nach Augenzeugenberichten waren seine letzten Worte: "Wir dürfen unseren Kindern keine Schulden hinterlassen." In seinem Abschiedsbrief, klagt er an: "Die (...) Regierung (...) hat im wahrsten Sinne des Wortes meine Möglichkeiten zu Überleben zerstört. Mein Überleben, das durch eine würdevolle Rente gesichert sein sollte, die ich selbst (ohne staatliche Hilfe) über 35 Jahre eingezahlt habe, ist bedroht. (...) Ich finde keine andere Lösung, als die eines würdevollen Endes, bevor ich anfange im Müll zu suchen, um mich zu ernären."

Den ganzen Tag über pilgerten Menschen zu dem Ort, an dem sich das Drama abgespielt hat. Sie legten - und legen immer noch - Blumen nieder unter jenen Baum, dem Symbol des Lebens. Sie heften Zettel mit Nachrichten an den Baumstamm. Im Laufe des Tages versammelten sich immer mehr Menschen, auch Familien mit Kindern. Am Abend nach dem Freitod Christoulas' kam es zu Ausschreitungen. Die Polizei löste die Demonstration mit Tränengas und Schlagstöcken auf. Es wiederholten sich wieder einmal die Bilder der Krise. Eine junge Journalistin wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Tiefe Trauer.

"Er hat den Ort nicht zufällig gewählt"

Am Tag nach dem Selbstmord, der Griechenland erschütterte, pilgern Menschen immer noch zu dem Baum am Syntagma Platz. Sie bringen Blumen mit und andere kleine Dinge, die sie unter den Baum legen. Es wird diskutiert, kommentiert, Wahrheiten werden ausgesprochen. Sie lesen die an den Baum gepinnten Nachrichten. Auf einem Zettel steht geschrieben: "Es ist kein Selbstmord. Es ist Mord. Die Mörder kennen wir alle. Die nächsten Opfer? Wir alle. Gute Reise unserem Mitbürger." Auf den Streifen einer griechschen Fahne ist zu lesen : "Sie töten mich! Wirst du es zulassen?" Und auf einem anderem Blatt Papier: "Wir werden unsere Heimat zurückgewinnen. Gute Reise, Hellene." Vielen schießen die Tränen in die Augen.

Athanassios Kallergis, 69 Jahre alt, Freund und Nachbar des Toten erzählt stern.de: "Er hat den Ort nicht zufällig gewählt. Wir waren hier im Sommer, mit den Empörten. Dimitris war jeden Tag hier, jeden Tag. Deshalb ist er hierhergekommen. Makis war untadelig, er hing nicht im Kafenion herum. Der Grund war nicht ökonomisch. Jedenfalls für ihn noch nicht. Jetzt noch nicht, er kam noch über die Runden. Aber er war ein gebildeter, politisch sensibler Mensch. Er konnte das nicht mehr mitansehen. Ich kannte Makis seit 1976. Er hat immer geholfen. Er hat den Blutdruck gemessen. Wenn einer nicht bezahlen konnte, dann hat er gesagt 'bezahle, wenn du kannst'. Er war geachtet und beliebt. Er war Grieche und er liebte die Menschen."

Tochter nennt es eine politische Tat

Dimitris Christoulas war schon Jahre geschieden. Seine Tochter, Emmy Christoula, hat sich öffentlich geäußert und gesagt, dass die Tat ihres Vaters, eine politische Tat war. Er wollte ein Zeichen setzen. Christoulas war Mitglied in der Bewegung "Ich zahle nicht, ich zahle nicht.", die versucht, die Bevölkerung zu mobilisieren und dazu zu bewegen, die Zahlung von ständig neu erhobenen Steuern zu verweigern. Mittlerweile hat die Gruppierung Verfassungsklage eingereicht. "Auf seinem Balkon hatte er das Banner der Bewegung aufgehängt", berichtet mir sein Freund Athannassios. Auch war er aktiv in der "Front zur Veränderung und für Solidarität" von Alekos Alavanos.

Der tragische Selbstmord ist überall in der Stadt Gesprächsthema - am Kiosk, beim Frisör, auf der Straße, im Bus. Die Bevölkerung nimmt Anteil und sieht die Tat nahezu einhellig als politische Stellungnahme.

Das letzte Geleit als politische Gedenkfeier

Auch an diesem Tag wird bereits seit den Mittagsstunden die Strasse hinter dem Volksgarten, der direkt hinter dem Parlament liegt, gesperrt. Es sammeln sich erneut Einheiten der Kampfpolizei auf der Vassilissis Sofias Strasse, neben dem Parlamentsgebäude, rund 50 Meter von dem Ort entfernt, an dem sich der griechische Rentner Dimitris Christoulas gestern erschoss. Am Abend gibt es wieder Ausschreitungen am Syntagma Platz, dem Platz der Verfassung, dem Ort, an dem die Krise kulminiert. Wieder gibt es Verletzte in Athen - unter ihnen ein Fotoreporter, der am Morgen des Karfreitags an seinem schwerem Schädel-Hirn-Trauma operiert wird.

Die Familie des Dimitris Chrystoula hat erklaert, dass keine traditionelle Beerdigung stattfinden soll. Der Leichnam soll verbrannt werden - etwas, das die orthodoxe Kirche nicht billigt. Das letzte Geleit für Dimitris Christoulas soll eine politische Gedenkfeier werden.

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