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Ein Staat in der Schuldenfalle: Patient Griechenland

Die Griechen geben die Hälfte ihres Einkommens für Nachhilfe aus und ohne Bestechung zieht kein Arzt den OP-Kittel an - das Gesundheits- und Bildungswesen zeigt, woran es im Pleitestaat hapert.

Eine Reportage von Bettina Sengling, Athen

Es ist acht Uhr abends, aber die Privatschule in einem Athener Vorort ist immer noch hell erleuchtet. 80 Schüler aus der Nachbarschaft sitzen bis in die Nacht hier, um sich auf das Abitur vorzubereiten. "Unser Schulsystem ist eine Katastrophe", sagt die Leiterin der Nachhilfeschule, die ihren Namen nicht nennen will. "Wer in den letzten Jahren vor dem Schulabschluss keine systematische Nachhilfe bekommt, schafft das Abitur nicht."

Am liebsten würde sie nichts Negatives über ihr Land sagen: Die wütenden Schlagzeilen aus Deutschland kennt in Athen inzwischen jeder. Doch wer in Griechenland über Bildung spricht, beklagt sich zwangsläufig. Das öffentliche System funktioniert nur noch auf dem Papier - in der Praxis ist die Bildung längst eine teure, zeitaufwändige Privatangelegenheit.

So sind die privaten "Frontistirion", die Nachhilfeschulen, längst eine feste Institution im griechischen Bildungssystem, das eigentlich staatlich und umsonst sein soll. In der Schule im Athener Vorort lernen Kinder in kleinen Gruppen Mathe, Physik und Chemie. Manche gehen zusätzlich noch in andere Nachhilfeschulen, um sich dort auf den Fremdsprachenunterricht vorzubereiten. Viele fangen bereits in der fünften Klasse damit an. Manche Nachhilfeschulen haben sich sogar auf Grundschulkinder spezialisiert. Selbst in den Sommerferien wird unterrichtet.

Teenager ohne nennenswerte Freizeit

"Unser Sohn Guy ist 17 Jahre alt und hat fast keine Freizeit mehr", klagt der Immobilienmakler Archileas Ziro. Morgens von 8 bis 14 Uhr besucht Guy das staatliche Gymnasium, nachmittags von 15 bis 19 Uhr die Nachhilfeschule. Danach stehen noch Hausaufgaben auf dem Programm - für das Gymnasium und für die Nachhilfeschule. Tochter Alkistis ist 14 und hat bislang nur in zwei Fächern Nachhilfe: Altgriechisch und Englisch. Die Eltern lassen sich die Bildung ihrer beiden Kinder 1150 Euro im Monat kosten - fast eines ihrer beiden Gehälter. Damit sind sie keine Ausnahme. In Guys Klasse gibt es keinen Schüler, der ohne Nachhilfe auskommt. Mindestens 300 Euro kostet die.

"Das zentrale Abitur ist eben so anspruchsvoll, dass die Kinder im normalen Unterricht nicht ausreichend vorbereitet werden können", erklärt eine junge Lehrerin. "Die Stunden sind zu kurz und in den Klassen ist es zu laut." Und davon profitiert sie: Als Gymnasiallehrerin verdient sie nach vier Berufsjahren gerade einmal 1200 Euro netto - das Einstiegsgehalt liegt sogar nur bei 950 Euro. Deshalb arbeitet sie nach Schulschluss als private Nachhilfelehrerin. Das ist zwar verboten, doch allgemein üblich. Einträglich ist es auch, denn eine Stunde Exklusivunterricht kostet immerhin 30 Euro. "Wir müssen überleben", sagt sie. "Von den staatlichen Gehältern können wir das nicht."

Gesundheit ist Privatsache

Auch für die Gesundheit müssen die Griechen längst privat zahlen. "Das System hat versagt", klagt die Athener Lungenärztin Meropi Mandeon, die in einem staatlichen Krankenhaus arbeitet. Offiziell ist selbst ein Aufenthalt im Krankenhaus für alle kostenlos. Doch die Krankenhäuser sind hoch verschuldet, teils mit mehr als 50 Millionen Euro. Das liegt an den klammen Krankenkassen, die den Krankenhäusern jedes Jahr Millionen Euro schuldig bleiben. Und nicht nur das: "Die Lieferanten verkaufen den Krankenhäusern Waren zu völlig überhöhten Preisen", sagt Meropi. Schließlich müssen die damit rechnen, dass die Krankenhäuser erst Jahre später zahlen - ein Teufelskreis. "Die Schulden wachsen so ins Unermessliche", so Meropi.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Selbst 2500 Euro Bestechungsgeld ist einigen Ärzten nicht genug - und die Patienten müssen ewig auf nötige OPs warten

Ohne Fakelaki keine Operation

Die Folgen der Misswirtschaft sind überall zu spüren. Aus Kostengründen fehlen in allen staatlichen Krankenhäusern Pfleger und Krankenschwestern. Wer nach einer Operation im Bett bleiben muss, heuert deshalb eine private Pflegekraft an. Die Hälfte des Honorars muss der Patient in der Regel selbst zahlen.

Die Ärzte verdienen eher bescheiden: 2600 Euro brutto bekommt die Fachärztin Meropi Mandeon. Viele Mediziner lassen sich deshalb jede Behandlung von ihren Patienten bezahlen. Besonders Chirurgen kassieren ab. "Es gibt kaum noch Operationen, bei den die Patienten den Arzt nicht bestechen müssen", sagt Meropi. "Fakelaki", kleiner Umschlag, heißt dieses Extrageld. So wundert es in Athen längst niemanden mehr, dass Ärzte aus staatlichen Krankenhäusern trotz überschaubarem Gehalt im Luxus leben, Yachten, Ferienhäuser und schicke Autos kaufen.

Oft nötigen die Ärzte ihre Patienten zu einem Geldgeschenk. "Wir müssen sofort operieren", sagte der Chirurg, als Bounias Thanassis im vergangenen Jahr seine zuckerkranke Mutter ins Krankenhaus brachte. Sie habe Geschwüre am Fuß, er müsse amputiert werden. Das Leben der alten Frau sei in Gefahr.

Doch dann ließ sich der Arzt nicht mehr blicken. Immer wieder verschob er den Eingriff. "Es war eine Katastrophe", sagt Thanassis, der als Fahrer bei der Post arbeitet. "Die Geschwüre begannen schon zu stinken, das ganze Krankenzimmer stank, kaum ein Arzt hat es noch in diesem Zimmer ausgehalten. Es war unglaublich demütigend für meine Mutter."

Der Kranke war dem Arzt völlig egal

Nach drei Wochen operierte der Arzt endlich. "Alle beurteilen dich nur danach, wie viel Geld du wohl geben kannst", sagt Thanassis. "Vermutet der Arzt, dass du wenig hast, bist du nicht interessant für ihn. Er kümmert sich nicht um dich, er beachtet dich nicht einmal. Der Kranke ist ihm völlig egal." Einen zweiten Eingriff lehnte der Arzt gleich ab. "Ich habe keine Zeit", behauptete er. Thanassis ist sich bis heute sicher, dass der Arzt unzufrieden mit dem "Fakelaki" war, der Sonderzahlung im Umschlag. 2500 Euro hatte er den Ärzten insgesamt für die Behandlung seiner Mutter "geschenkt".

"Dieser Staat tut nichts für seine Bürger", schimpft ein Bauunternehmer aus Athen. Er muss regelmäßig Beamte bestechen, um in der Stadtverwaltung Baugenehmigungen zu bekommen. "Ich kann das sogar verstehen", sagt er. "Die Beamten verdienen 1000 Euro und können von ihrem Lohn nicht leben. Sie müssen ihre Kinder schließlich auch in die Nachhilfeschulen schicken und ihre Eltern zum Arzt." Die Familie hilft auch, wenn jemand seine Arbeit verliert: Arbeitslosenversicherung in Höhe von 456 Euro wird nur ein Jahr lang gezahlt. Sozialhilfe gibt es nicht. "Es ist ein Teufelskreis", sagt der Bauunternehmer. "Die Leute zahlen keine Steuern, weil sie dem Staat nicht vertrauen. Der Staat hat kein Geld, weil niemand Steuern zahlt. Unser gesamtes System hat versagt."

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