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Einmal Shanghai, bitte!: "Haier and Higher"

Billig und haltbar: Chinesische Haushaltsgeräte erobern den Weltmarkt. Deutsche Produkte könnten dagegen bald nur noch antiquarischen Wert haben.

Von Tilman Wörtz

Paul Samuelson, Nobelpreisträger für Wirtschaft, hat eine sehr interessante These aufgestellt: Vom Freihandel, dem Evangelium der Ökonomen, profitieren alle Länder nur dann, wenn sie auch unterschiedliche Produkte produzieren und austauschen. Was aber, wenn ein einziges Land alle Produkte herstellen und zu unschlagbaren Preisen auf den Weltmarkt bringen kann? Vom Laibchen bis zum kompletten High-Tech-Sortiment? Samuelson hat gesagt: China könnte dieses Land sein.

Das hat mir zu denken gegeben. Ich habe das Buch "Herausforderung China" von Wolfgang Hirn beiseite gelegt, in dem ich den Gedanken gerade gelesen hatte, um eine Inventur meiner Wohnung vorzunehmen. Ich fange bei meinem Kleiderschrank an, da bin ich schnell fertig: Ich trage ausschließlich Made in China. Am liebsten von Giordano. Diese Hong-Konger Firma mit dem italienischen Namen lässt in Shenzhen produzieren und in New York designen. Will man mehr?

In meiner Küche

steht natürlich ein Kühlschrank von Haier. Der ist zwar fast immer leer, weil auch Essen gehen in China so billig ist, aber Haier gehört heute in jeden chinesischen Haushalt. Seit die Firma nicht mehr "Allgemeine Qingdaoer Kühlschrankfabrik" heißt, kennt den Werbespruch "Haier and Higher" jedes Kind. Jahresumsatz des Unternehmens: Neun Milliarden Euro.

Es geht weiter ins Wohnzimmer, zu meinem Stolz, dem DVD-Spieler von Alllike. Von der Marke hat wahrscheinlich noch nie jemand in Deutschland gehört. Ich habe umgerechnet nur 50 Euro für das Gerät bezahlt, aber es funktioniert hervorragend und spendet blaues Designerlicht aus dem CD-Schlitz. Das Handling ist dank der wenigen und robusten Tasten sehr gut, genau was ich brauche. Ich schaue viel DVD, kann außerdem mit dem Gerät Musik-CDs hören (die Boxen waren im Preis inbegriffen), es ging noch nie kaputt. Ein Topp-Produkt. Wer 10.000 DVD-Spieler geliefert braucht, wirbt die Firma aus Guangdong, kann sie innerhalb von 25 Tagen bekommen. 85 Ingenieure entwerfen monatlich fünf neue Produkte und bringen sie an Kunden, die laut Umfragen alle später einmal ein zweites Gerät bei Alllike kaufen, weil sie so zufrieden sind. Ich werde einer von ihnen sein.

Auch über meinen Fernseher kann ich nur Gutes sagen: Sondergröße, Marke Skyworth. Die kann kein Chinese aussprechen, aber bei "Telefunken" ist das auch nicht anders. Mein Internet-Anschluss ist übrigens schneller als jeder, den ich in Deutschland je hatte, und kostet für die Standleitung nur 150 Euro im Jahr. Mein Modem "ZTE-ZXDSL 831" hat schon während der olympischen Spiele in Athen Reportern, Sportlern und Kampfrichtern ihren Breitbandanschluss gesichert. Mein Faxgerät stammt zwar aus Korea, aber auch den Markt haben die Chinesen bald erobert.

Resumee: Ich habe alle Haushaltsgeräte, die ich mir wünschen kann, sie waren noch nie kaputt und sind mindestens dreimal so billig wie in Europa. Umkehrschluss: Warum sollte ich mir in Zukunft nicht auch in Deutschland so eine Einrichtung zulegen?

Es kommt noch viel schlimmer: Der ganze Service um die Produkte funktioniert. Wenn ich Leute von der Telekom morgens anrufe, sind sie am Nachmittag da. Von der superkorrekten Abrechnung meines Zeitungsabonnements oder des Gas- und Stromverbrauchs will ich gar nicht anfangen. Im Registrieren sind kommunistische Staaten ja schon immer gut gewesen. Ich kann meine Rechnungen auch am Sonntag bezahlen - auf der Post.

Es gibt also

allen Grund zur Panik. China kommt ganz groß, nicht nur beim Textil- und Weihnachtsschmuck-Export. Erkundigen Sie sich schon mal beim Antiquitätenhändler, ob er für Ihre Miele in zehn Jahren einen ähnlich guten Preis zahlen wird wie heute für die Pfaff-Nähmaschine mit gusseisernem Schwungrad am Tretpedal.

Mein Kollege Bernhard Bartsch aus Peking hatte kürzlich die geniale Idee, in China für Patenschaften zu werben: Drei chinesische Arbeiter sollten für einen deutschen, der seinen Job verloren hat, eine Patenschaft übernehmen. Dann wäre auch in Zukunft das Gleichgewicht im Welthandel wieder gesichert.

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