Einmal Shanghai, bitte! Hüpfen für die Freiheit


Was die Japaner einst in ihrem Land angerichtet haben, empört die Chinesen. Endlich mal demonstrieren und randalieren. Aber bitte nur in den von der Partei und der Polizei vorgesehenen Bahnen.
Von Tilman Wörtz

China ist ein freies Land. Da darf man auf Autos springen und Waschbecken große Dellen reinhüpfen, lustige Farbbeutel an Botschaften zerplatzen lassen und die Scheiben von Restaurants kaputt schmeißen. Natürlich nur von japanischen. Auch die Freiheit muss ihre Ordnung haben. "Polizei und Armee passen auf, dass die Demonstration in den richtigen Bahnen verläuft", sagt Jin Xing, eine junge Studentin der Betriebswirtschaft und schwenkt ein Chinafähnchen den Hütern der Ordnung zum Gruß. Die winken zurück, während sich dreißig Meter weiter der Mob das nächste japanische Auto vornimmt.

Jin Xing und die zwanzigtausend Demonstranten, Durchschnittsalter 26 Jahre, sind an diesem Wochenende super drauf. Endlich mal demonstrieren, schreien, randalieren. Sie finden sehr empörend, was die Japaner vor etlichen Jahrzehnten in China angerichtet haben. Allein das Massaker von Nanjing im Dezember 1937, bei dem japanische Soldaten schätzungsweie 300.000 Chinesen, die meisten davon Zivilisten, abgeschlachtet haben...Da wird man ja wohl mal ein paar Dellen in Autodächer hüpfen dürfen!

Unter den Stahlbetonstelzen

der Hochstraße Yan'an geht die Fistelstimme Jin Xings im mächtigen Ruf aller auf: "Di Zhi Ri Huo!" - "Boykottiert japanische Produkte!" - und "Ai Wo Zhong Guo" - "Ich liebe China". Die Japaner sollen in ihren Schulbüchern endlich die Kriegsverbrechen zugeben und nicht schon wieder im ostchinesischen Meer Inseln beanspruchen.

Und dann singen die Demonstranten die Nationalhymne: "Steht auf! Nicht länger Sklaven mehr! / Die große Mauer neu erbaut aus unserm Fleisch und Blut / In größter Bedrängnis Chinas Volk. / Mit tausend Leibern, einem Herz den feindlichen Kanonen zum Trotz: Vorwärts! Vorwärts! Voran!" Die Hymne wurde während des Kriegs gegen Japan vor sechzig Jahren komponiert.

Jedes Schulkind kann sie auswendig. Am 1. Oktober, dem Gründungstag der Volksrepublik China, muss sie gesungen werden. In Chinas Schulen wird viel gesungen. Es gibt regelmäßig Wettbewerbe. Zum Beispiel am 5. März, dem Ehrentag des Modellarbeiters Lei Feng. An diesem Tag versammeln sich die Klassen in Turnhallen zum Sangesstreit: "Lernen von Lei Feng / Er ist unser aller Vorbild / Treu zum Volk / Treu zur Partei". Auch andere Lieder dürfen gesungen werden, hundert insgesamt. So viele hat die Bildungskommission der Stadt Shanghai in Schulen zugelassen. Sie besingen den Gelben Fluss, Mao Tsetung und das Vaterland: "Ich liebe Dich, China".

China lieben ist modern.

Seit März stehen drei Popsongs auf der Liste. "Die Liste soll erziehend wirken und gleichzeitig dem Geschmack der Schüler entsprechen", sagt die Kommission. Natürlich sind ordinäre Love-Songs nicht zugelassen. Die seien "irrelevant" und würden nur "ablenken". Anders dagegen das Lied "Chinese" von Andy Lau, in dem die fünftausend Jahre alte chinesische Kultur besungen wird, "Hero" von Jonathan Lee und "Schnecke" des taiwanesischen Sängers Jay Chou: Die Schnecke ist zwar langsam / aber kommt erfolgreich ans Ziel."

Auch Lieder müssen ihre Ordnung haben. Und Ordnung ist per Definition patriotisch. Sonst könnten empörte Jugendliche womöglich bald an die Wand auch der Shanghaier Stadtregierung lustige Farbbeutel werfen, weil sie nicht nur drei, sondern mindestens sechs Popsongs in der Schule singen wollen, darunter "Brick in the Wall" oder "Habenichts" von Cui Jian, der Hymne der Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989. Auch damals gab es ein Massaker und da wird man ja wohl mal ein paar Dellen in Autodächer...Stopp! Freiheit zum Hüpfen, Demonstrieren und Singen ist gut - aber bitte nur in den von der Partei vorgesehenen Bahnen. Armee und Polizei kümmern sich darum.


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