Einmal Shanghai, bitte! Klinge Linge Ling


Nun ist es nicht so, dass Weihnachten ein klassisches chinesisches Fest ist. Gefeiert wird es trotzdem - etwa mit einem Schwangeren-Mann-Wettbewerb. Uigurische Volkstänze wären aber auch schön gewesen.
Von Tilman Wörtz

Obwohl sich nur ein Prozent aller Chinesen Christen nennen, sind Shopping-Malls, Restaurants und Bars in Shanghai an Heiligabend so voll wie sonst nur zum chinesischen Frühlingsfest. Ich hatte die Wahl zwischen drei Feiern: Einer Party, auf der junge Shanghaier Santa-Claus-Mützen tragen und sich Merry-Christmas küssen, einer Lotterie-Gesellschaft im Schickeria-Viertel Xintiandi, und ein Konzertabend "Melodien der Saison", an dem mit Sicherheit Violinen vor Rührung Jingle Bells intoniert hätten.

Ich habe alle drei Einladungen ausgeschlagen und bin 3500 Kilometer nach Westen in die muslimische Provinz Xinjiang geflüchtet. Dort wollte ich mit einem Motocross-Club die winterliche Seidenstraße befahren und dachte, ich sei vor Weihnachten sicher. Aber es hätte nicht schlimmer kommen können.

Wir aßen im "International Bazar" der Hauptstadt Ürümqi zu Abend: Lammkeule, panierte Nudeln und gesalzenes Gemüse, dazu jede Menge Reisschnaps. Draußen herrschten zwanzig Grad minus. Die Menschen hier sind hart im Nehmen. Das Restaurant ist an normalen Tagen eine große Halle für 1000 Gäste, die von uigurischen Mädchen mit Folklore-Tänzen unterhalten werden.

Stoff-Schneeflocken von der Größe eines Lkw-Rads, die als Dekoration von der Decke hingen, ließen allerdings Schlimmes erahnen. "Scheiße, sie haben das Programm gewechselt", sagte ein Motocross-Fahrer, als ein Chor der Bazar-Verkäufer im Nikolauskostüm auf die Bühne kam. Ihre Gesichter verschleierten sich aufs Tragischste, als sie "Heilige Nacht, Stille Nacht" und "Oh Tannenbaum" auf Chinesisch sangen.

Nach soviel Andacht war es Zeit für etwas Unterhaltung. Ein Moderator forderte ein paar männliche Freiwillige auf die Bühne. Sie sollten einen Luftballon aufblasen und sich unter den Pulli stecken. Der schönste Schwangere würde dann vom Publikum gewählt.

Meine Tischgenossen lachten. Ich sagte ihnen, dass es in Europa eine Zeit gab, in der man für so einen Witz an Heiligabend geteert und gevierteilt worden wäre. "Das ist doch nur zur Unterhaltung!" antworteten sie. Vom Christkind hatten sie gehört, aber auch Götter lassen in China mit sich scherzen. "Weihnachten ist doch so was wie unser Frühlingsfest, oder?"

Dem Moderator wurde schnell aus dem Publikum gesteckt, dass ein Ausländer anwesend war. Er zwangsrekrutierte mich als Freiwilligen. Wir mussten uns bunte Clownsperücken aufsetzen. Zu zehnt standen wir nun da, tätschelten anerkennend die Bäuche der Konkurrenz und folgten den weiteren Anweisungen. Zur Vorentscheidung mussten jeweils zwei Männer ihre Bäuche gegeneinander pressen. Zerplatzte ein Bauch, flog der Besitzer raus. Meiner war der kleinste - der Verzehr von Reisschnaps hatte mir etwas die Puste genommen - aber der kleine Ballonbauch erwies sich als robust. Ich kam weiter in die Endrunde und wurde glatt vom Publikum zum schönsten schwangeren Mann an Heiligabend gewählt. Muss ich meine Erleichterung erwähnen, als endlich uigurische Mädchen Volkstänze aufführten?


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker