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Kolumne: Hier spricht der Boomer Kompliziertes Europa: Einfach und langweilig können andere besser

EU-Gipfel - jeder spricht mit jedem, Angela Merkel hell im Vordergrund
Bezeichnend für Europa: Beim verlängerten EU-Gipfel in Brüssel spricht jeder mit jedem und alle immer wieder aneinander vorbei. Im Vordergrund Angela Merkel, als aktuelle Ratspräsidentin Gastgeberin.
Wie kommt das eigentlich? Das Thema Europa löst nur noch schlechte Laune aus. Langeweile, Gähnen –  ja, Wut! Auch dann noch, wenn es um so viel Geld geht, wie beim aktuellen EU-Gipfel. 
Von Frank Schmiechen

Jaja. Natürlich wissen wir alle, dass Europa irgendwie wichtig ist. Gleichzeitig löst Europa bei uns schlechte Laune aus. Zu kompliziert. Zu viel Geld fließt von irgendwoher nach irgendwohin. Zu viel Bürokratie. 27 Länder, die sich nie einigen können, sondern am Ende immer nur fadenscheinige Kompromisse machen. Das ist unser Grundgefühl.

Jetzt gibt es die sogenannten "Sparsamen". Das sind Länder, deren Bewohner oft eine Menge Geld auf der hohen Kante haben und Arbeitnehmer, noch bevor sie  60 Jahre alt sind, in Rente gehen. Seltsam.

Europa - von Zahlmeistern und Jammerlappen

Dann gibt es die Zahlmeister. Deutschland zum Beispiel. Hierzulande hat man das Gefühl, dass wir immer nur die Rechnung begleichen. Wenn es mal einen Notfall gibt  – wie zum Beispiel die Flüchtlingswelle – stehen wir alleine da.

Und dann gibt es noch die Jammerlappen, die immer nur Geld von den anderen haben wollen. Als Kredit? Nein, bitte nicht. Als Spende. Wer denkt denn an Rückzahlung? Diese Länder sitzen jetzt schon auf einem Schuldenberg, der zu hoch ist, um ihn jemals abzutragen.

Versöhnung nach den Weltkriegen ein Wunder

Brüssel? Straßburg? Wer kann das auseinanderhalten? Wenn man im Café jemanden fragt, was in diesen Städten politisch entschieden wird, gibt es nur sehr selten eine richtige Antwort. Dass die Europa-Abgeordneten sehr viel Geld verdienen und umsonst in der Gegend herumfliegen, weiß dagegen jeder. Falls bald wieder geflogen wird...

Das 20. Jahrhundert war eines der blutigsten Jahrhunderte der Geschichte. Dass es nach diesem Albtraum zu einer Versöhnung der Europäer kommen konnte, ist das politische Wunder unserer Gegenwart.

Unser Europa: Versöhnung und Freizügigkeit

Deutsche Soldaten haben ganze Ortschaften in Italien oder Frankreich dem Boden gleich gemacht, Bewohner massakriert. Heute fahren wir ganz entspannt mit dem Auto durch diese Gegenden und trinken einen Cappuccino oder Café au Lait.

Das ist unser Europa: Versöhnung, Frieden, Freizügigkeit, Wertschätzung der Nachbarn. Wir schwärmen von Slowenien oder Kroatien. Wir haben gelernt von der französischen Lebenskunst, der italienischen Leichtigkeit und dem digitalen Fortschrittstempo in Estland.

27 in Jahrhunderten entwickelte Kulturen

Warum gelingt es nicht, diese Zuneigung in eine unkomplizierte politische Realität zu verwandeln? Vielleicht weil wir nicht unkompliziert sind!

Wir sind anspruchsvoll, leben unsere in Jahrhunderten entwickelten Kulturen. Wir wissen, was wir vom Leben wollen, wie ein Brot schmecken muss, wie Liebe gelebt wird. In 27 unterschiedlichen Ausformungen. Deshalb kann europäische Politik nicht unkompliziert sein. Sie ist der Spiegel unserer historisch gewachsenen, nationalen Kulturtechniken.

Mehr Verständnis für die, die Politik machen

Uns bleibt also nur, mehr Verständnis für die Politikmacherinnen und Politikmacher in Straßburg und Brüssel zu haben. Vielleicht auch etwas mehr Interesse an ihrer Arbeit. Und wir sollten uns daran erinnern, dass sie die vielleicht kompliziertesten Nationalstaaten der Welt mit all ihren Eigenheiten repräsentieren.

Einfach ist oft stromlinienförmig, dumm und langweilig. Das können andere viel besser als wir Europäer.

dho

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