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Flucht aus Libyen Die Gestrandeten


Gaddafi zwingt die Bevölkerung in den noch von ihm kontrollierten Städten, Alltag zu spielen. Geschäfte und Banken sollen öffnen. Milizionäre dürfen nicht gefilmt werden. Währenddessen fliehen immer mehr Ausländer aus Libyen. Viele von ihnen stranden in Tunesien.

In Tunis und Kairo wird in diesen Tagen der Staat neu erfunden. Innerhalb von vier Tagen stürzen in beiden arabischen Hauptstädten die Ministerpräsidenten. Doch der tunesische Gewerkschafter Hussein Beltajib und der ägyptische Botschafter Ahmed Ismail haben jetzt andere Sorgen. Zusammen mit Helfern der Vereinten Nationen und privater Organisationen bemühen sie sich, Tausenden von Ausländern bei Weiterreise zu unterstützen, die aus den umkämpften Städten Libyens nach Tunesien fliehen. Sie kommen mit Koffern, Decken und manchmal auch ganz ohne Gepäck.

Nachdem in den ersten Tagen nach Beginn des Aufstandes gegen Gaddafi vor allem tunesische und ägyptische Gastarbeiter mit ihren Familien den Grenzübergang Ras Jdeir überquert hatten, fliehen inzwischen auch die Ärmsten der Armen: Afrikaner, die illegal nach Libyen eingewandert waren und keine Ausweispapiere haben, 18 000 Arbeiter aus Bangladesch, die - weil ihr Land keine Botschaft in Tunesien hat - nicht wissen, wie sie nach Hause kommen sollen.

Der Gewerkschafter Beltajib stammt aus Ben Gerdan, einer tunesischen Stadt, die 30 Kilometer von der Grenze entfernt liegt. Zusammen mit anderen Freiwilligen hilft er, die teils unter freiem Himmel campierenden Flüchtlinge mit Lebensmitteln zu versorgen. "Wenn die Hilfe schnell kommt, können wir hier eine humanitäre Katastrophe verhindern, aber was mir wirklich Sorgen macht: Auf der anderen Seite der Grenze, in Libyen, sitzen immer noch Tausende von Flüchtlingen fest, die darauf warten, nach Tunesien zu kommen", sagt er. "Sie haben nichts zu essen und zu trinken."

In der libyschen Hauptstadt Tripolis tut Oberst Muammar al-Gaddafi immer noch so, als habe er es nicht mit einem revolutionären Flächenbrand, sondern mit Protestaktionen einer kleinen islamistischen Minderheit zu tun. Doch dort fällt langsam auf, dass die Ausländer fehlen, die hier bislang einen großen Teil der Arbeit geleistet hatten. In vielen Bäckereien arbeiteten Ägypter und Tunesier - nun gibt es kein Brot mehr.

In den Krankenhäusern fehlen Krankenschwestern und Ärzte. Ein Teil des ausländischen medizinischen Personals hat das Weite gesucht, nachdem es mit ansehen musste, wie Verwundete von Gaddafis Truppen aus den Betten gezerrt und erschossen wurden. "Truppen, die auf den Befehl des Oberst (Gaddafi) hören, haben verletzte Demonstranten bis zu unserem Krankenhaus verfolgt, sie haben sie nach draußen gezerrt und dann erschossen", berichtet eine indische Krankenschwester bei ihrer Ankunft am Flughafen von Neu Delhi. Die Frau, die ihren Namen nicht nennen will, hatte sich von ihrem Arbeitsplatz in der umkämpften Stadt Al-Sawija bis zum Flughafen Tripolis durchgeschlagen.

Ahmed Ismail, der ägyptische Botschafter in Tunis, sieht an diesem Donnerstag endlich Licht am Ende des Tunnels. Nachdem er und seine Kollegen mit dem Flüchtlingsproblem in den ersten Tagen fast alleine waren, rollt die internationale Hilfe jetzt an. Frankreich, Großbritannien und Spanien schicken Flugzeuge, Deutschland hat drei Schiffe versprochen, um die in Tunesien gestrandeten Ägypter in ihre Heimat zu bringen. Die Ägypter bilden die größte Gruppe unter den Ausländern, die Libyen verlassen haben. Fast 110 000 Ägypter sollen bislang geflohen sein. Und Ismail weiß: "Jeder Einzelne von ihnen bringt eine schreckliche Geschichte mit, von Plünderung und Diebstahl, Kämpfen und Mord."

Mounir al-Souissi und Anne-Beatrice Clasmann, DPA DPA

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