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Unruhen in Libyen Widerständler fordern Hilfe gegen Gaddafis Söldner


Die Aufständischen im Osten Libyens bewaffnen sich gegen die Truppen Gaddafis, doch gegen Luftangriffe haben sie kaum eine Chance. Forderungen nach ausländischer Unterstützung werden immer lauter.
Von Christoph Reuter, Bengasi

Die Welt diskutiert darüber, was zu tun ist, um Libyens Diktator davon abzuhalten, weiterhin seine rebellierenden Untertanen umbringen zu lassen. Eine Flugverbotszone? Eine Intervention? Resolutionen?

Doch was wollen die libyschen Widerständler? Die Statements aus Bengasi, der Zentrale der "Revolution des 17. Februar" und zweitgrößten Stadt des Landes, waren bislang widersprüchlich.

"Keine ausländische Intervention", steht auf einem großen Banner, das von einer Ecke des Hauptquartiers der Revolution, dem alten Gerichtsgebäude von Bengasi, hängt. Das war bislang auch Tenor der meisten Kommentare einzelner örtlicher Führer der rasant gewachsenen Revolutionsbewegung.

Andererseits meldeten arabische Nachrichtensender am Mittwoch, dass der unterschiedlich übersetzte "Vorläufige Nationale Rat" unter Vorsitz des zurückgetretenen Justizministers eine Bombardierung der afrikanischen Söldnertruppe durch die Vereinten Nationen gefordert habe.

Aufständische fordern Flugverbotszone

Und je dichter man der Frontlinie westlich von Bengasi kommt, desto dringender, verzweifelter werden die Rufe der Kommandeure zusammengewürfelter Kampfverbände nach einer Flugverbotszone: "Das muss aufhören, aufhören!", rief ein übergelaufener Major der libyschen Armee in Adschdabija am Mittwochvormittag, als erst ein Jet Bomben nahe eines Munitionsdepots abgeworfen und eine zweiter Jet eine Stunde später erst seine Bombenlast in die Wüste abgeworfen hatte und kurz vor seiner Stellung abgedreht war.

Doch jenseits solcher Widersprüche ist bislang unklar, wer überhaupt in wessen Namen sprechen kann. Es gibt die örtlichen Komitees der revolutionären Selbstverwaltung, die überraschend gut den Fortbetrieb der Infrastruktur, Energieversorgung und Ölförderung sichergestellt haben. Aber es gibt keine Struktur, nicht mal eine Verfassung, wie die Macht zu organisieren wäre. Bis Mittwoch ist unklar geblieben, welche Macht und Akzeptanz der "Vorläufige Nationale Rat" hat. Auch bombardieren die Vereinten Nationen niemanden, nicht einmal Gaddafis Söldnergruppen. Bombardieren tun im Zweifelsfall die USA, aber die mag offiziell niemand einladen. "Davor haben die Leute Angst", sagt Sami Mohammed, einer der Freiwilligen des revolutionären Medienkomitees in Bengasi: "Alle haben gesehen, was die USA im Irak und in Afghanistan getan haben, die fürchten, dass die Amerikaner nie wieder abziehen, wenn die einmal hier sind."

Söldner und Kampfjets lösen Panik aus

In einem sind sich alle Libyer im befreiten Osten von der ägyptischen Grenze bis Brega (Stand Mittwoch abend) einig: Am liebsten würden sie ihr ganzes Land selbst befreien. Doch so groß ihr Mut und ihre Euphorie sind, so gering sind die militärischen Mittel. Die Revolution hat keine Divisionen, wenige ausgebildete Soldaten, stattdessen kaum trainierte Freiwillige und an schweren Waffen nur Flugabwehrgeschütze, Panzerfäuste und Maschinengewehre. Und obwohl libysche Piloten bislang offensichtlich fast jedes Mal danebengeschossen haben, abgedreht sind oder sich gleich mit ihren Flugzeugen nach Malta abgesetzt haben, löst jedes Auftauchen eines Kampfjets Panik aus. Mehr noch tun dies die gefürchteten Verbände der "Murtazaka": kampferprobte Söldner aus Afrika, zumeist dem Tschad, die schon in Bengasi für die meisten der rund 230 Todesopfer verantwortlich waren und am Mittwochmorgen vorübergehend die wichtige Gas- und Erdölstadt Brega einnahmen.

"Wir wollen keine ausländischen Besatzer", brachte ein Apotheker aus Bengasi einen Kompromiss auf den Punkt, den zunehmend viele teilen: "Aber die Ausländer, meinetwegen die Amerikaner, sollen endlich die Söldner ausschalten und die Luftwaffe! Den Rest schaffen wir alleine."


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