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Libyen im Bürgerkrieg: Gaddafis Piloten verweigern Bombardierung

Muammar al Gaddafi lässt die Hochburgen der Aufständischen in Libyen beschießen. Einige Piloten allerdings boykottieren die Bombardierungen. Szenen aus Ostlibyen.

Von Christoph Reuter, Adschdabija

Die Menschen in Adschdabija haben Angst. Der Checkpoint am Westrand der ostlibyschen Stadt ist der letzte, den die Aufständischen unter ihrer Kontrolle haben. Dahinter beginnt das Niemandsland, 40 Kilometer weiter halten sich die Reste der Gaddafi-treuen Armee auf. Unter Gaddafis Kommando stehen auch zahlreiche Söldner, die meisten von ihnen aus dem Tschad. In Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren fahren sie durch die Gegend, sie sind bewaffnet mit Panzerfäusten.

Eigentlich ist Adschdabija eine belanglose Kreuzungsstadt, rund 160 Kilometer südlich von Bengasi gelegen. Doch in diesen Tagen ist die Lage angespannt. Wie Bengasi, Tobruk und die anderen Orte im Osten Libyens galt die Hafenstadt als befreit. Nun scheint Muammar al Gaddafi seine letzten Reserven zu mobilisieren, um den verlorenen Osten zurückzugewinnen.

Die Armee hat einen Luftangriff auf Adschdabija geflogen, Ziel des Beschusses war offenbar ein Munitionsdepot am Rande der Stadt. Doch auch Gaddafis Luftwaffe ist augenscheinlich in Auflösung begriffen. Der Pilot, der das Sprengstoffdepot zerstören sollte, warf die Bombe stattdessen auf freiem Feld ab. Danach setzte er sich mit dem Schleudersitz ab und ließ die Maschine abstürzen. So erzählt es der zu den Rebellen übergelaufene Oberst Gamal Mansour Sway stern.de, der sich bereits am Anfang der Revolution aus dem Luftwaffenstützpunkt Sebha abgesetzt hatte.

Piloten verfehlen absichtlich ihre Ziele

Nach Sways Informationen verfügt Gaddafi nur noch über zwei bis drei Dutzend einsatzfähige Kampfflugzeuge. Schon am Samstag hatte sich ein Geschwaderkommandeur der Luftwaffe mit vier Piloten aus einem Stützpunkt bei Siirt abgesetzt. Die libyschen Piloten flögen ihre Einsätze außerdem nur noch unter Zwang, ihre Familien werden nach Angaben des Obersts als Geiseln gehalten. Nach Möglichkeit versuchten die Piloten, keine Ziele zu treffen. Sways Aussagen werden durch die Tatsache gestützt, dass ein Kampfjet, der auf einen Checkpoint der Aufständischen zuflog, abdrehte, bevor er sein Ziel hätte bombardieren können.

Dennoch ist die Angst vor weiteren Bombardements groß. Sollte das Munitionslager tatsächlich von Bomben getroffen werden, so können sich die Gaddafi-Gegner nur schwerlich bewaffnen, von möglichen Toten ganz zu schweigen. Oberst Sway befürchtet, dass die Luftwaffe Piloten aus Schwarzafrika, Algerien oder gar der Ukraine rekrutiert, um die desertierten libyschen Militärs zu ersetzen. Ob ausländische Piloten bereits im Einsatz sind, weiß niemand.

Die Regimegegner in Adschdabija sind zum Kampf bereit - wer kann, bewaffnet sich. Die Menschen warten auf den nächsten von Gaddafi befohlenen Angriff, denn so bald wird der Machthaber wohl nicht aufgeben. In einer Fernsehansprache wiederholte Gaddafi "bis zum letzten Mann und bis zur letzten Frau kämpfen" zu wollen. Das Problem der Aufständischen: Unter den Rebellen hat kaum einer militärische Erfahrung, es gibt nur wenige übergelaufene Soldaten, die kämpfen können.

Hafenstadt Brega ist heiß umkämpft

Nicht nur in Adschdabija ist die Furcht vor weiteren Luftangriffen groß. In der ostlibyschen Stadt Brega hat ein Kampfflugzeug am Mittwoch zwei Raketen abgefeuert. Dutzende Menschen feierten auf einem Platz gerade die erfolgreiche Abwehr von Gaddafis Truppen, als die Geschosse in der Nähe einschlugen. Verletzte gab es offenbar nicht. Die Einschläge hinterließen zwei Krater, unweit der städtischen Universität. Zuvor stürmten Anhänger Gaddafis die Stadt und hatten mehrere Stunden lang die Ölraffinerien und den Flughafen besetzt.

Nach Berichten von Augenzeugen sollen es sowohl Söldner aus dem Tschad als auch libysche Soldaten sein, die in Brega in Gaddafis Namen kämpfen. Die Söldner aus dem Tschad seien mit 40 Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren in die Stadt gekommen und hätten Kontrollposten aufgestellt. Es soll rund 20 Tote gegeben haben. Mittlerweile haben die Aufständischen aber wieder die Kontrolle über Brega erlangt. Es heißt, dass Gaddafis Truppen auf dem Gelände der Universität umzingelt seien.

Mitarbeit: Mareike Rehberg