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US-Militärstrategie in Libyen "Folgen eines Einsatz müssen vorsichtig abgewogen werden"


Im Pentagon spielen Militärstrategen bereits Planspiele für eine Flugverbotszone in Libyen durch. Alle Optionen offenhalten, heißt die Parole. Doch in Wirklichkeit wiegeln die Militärs ab - das Ganze ist ihnen zu riskant.

Früher, als im Weißen Haus noch Ronald Reagan das Sagen hatte, waren die USA nicht so zögerlich in Sachen Militäraktionen gegen Libyen. Bereits zehn Tage, nachdem in der von US-Soldaten frequentierten Berliner Diskothek "La Belle" eine Bombe hochgegangen war und drei Menschen getötet hatte, griffen US-Kampfjets Tripolis und Bengasi an. Bilanz: 100 Tote. Muammar al-Gaddafi, so die Lesart der USA, sollte spüren, dass Terror empfindliche Strafen nach zieht.

Doch die Zeiten haben sich geändert: Diesmal ist Washington wesentlich vorsichtiger, gegen den "Schurkenstaat" von einst vorzugehen. Zwar werden die Rufe der libyschen Opposition nach Unterstützung immer lauter. Auch Außenministerin Hillary Clinton hat sich mit ihren vollmundigen Worten, dass alle Optionen auf dem Tisch lägen "einschließlich einer Flugverbotszone", weit aus dem Fenster gelehnt.

Doch die Militärs wiegeln bereits ab - nach den Kriegen im Irak und Afghanistan scheuen sie davor, eine dritte Flanke in einem islamischen Land zu eröffnen.

Zwar haben die US-Militärs bereits Truppenverschiebungen in Gang gesetzt: Demonstrativ werden im Mittelmeer Kriegsschiffe bewegt, Verteidigungsminister Robert Gates orderte gar ein amphibisches Kampfschiff in die Region. Doch hinter den Kulissen heißt es, noch sei die "Kanonenbootpolitik" eher als Drohung und Demonstration denn als Vorbereitung für den Ernstfall gemeint.

Das Kalkül der US-Strategen: Derart eingeschüchtert würden sich sich Gaddafis Anhänger, auch seine engsten Vertrauten, nochmals gründlich überlegen, ob sie wirklich weiter auf der Seite des Diktators stehen wollen.

Doch was ein echtes Engagement der Militärs angeht, haben die Befehlshaber erhebliche Bauchschmerzen. Zwar gebe es "eine ganze Menge Optionen und Notfallpläne", sagt Gates - doch sofort fügt er hinzu, die Folgen "müssten sehr vorsichtig abgewogen werden". Das klingt eher nach Abwiegeln denn nach Kampfbereitschaft.

Ähnlich besorgt äußert sich Generalstabschef Mike Mullen. Die Durchsetzung einer Flugverbotszone sei eine "außerordentlich komplexe" Operation.

Dagegen hoffen die Regimegegner in Libyen darauf, eine "No-Fly-Zone" würde ihnen Luft verschaffen: Es würde Gaddafi-treue Bomberpiloten daran hindern, auf "befreite Gebiete" Angriffe zu fliegen. Auch Söldner aus Schwarzafrika könnten nicht mehr ins Land geholt werden.

Doch den Militärs im Pentagon ist klar: Die Einrichtung einer Flugverbotszone würde unter Umständen bedeuten, dass die libysche Luftwaffe ausgeschaltet werden müsste. Die Durchsetzung der Zone könnte unter Umständen den Einsatz "hunderter Kampfjets" sowie "koordinierte Bombeneinsätze" bedeuten, zitiert die "Washington Post" einen ehemaligen Air-Force-General. Und gleichsam als Warnung heißt es, die libysche Luftabwehr sei wesentlich moderner als das einstige Abwehrsystem im Irak.

"Wir sollten uns und keine Illusionen machen", warnt daher auch General James Mattis vom Zentralkommando vor einer "No-Fly-Zone". "Es würde nicht einfach so sein, dass mann den Leuten sagt, dass sie keine Flugzeuge fliegen lassen sollen."

Nicht zuletzt weisen US-Militärs darauf hin, dass ein Einsatz gegen Libyen auch Zustimmung und Beteiligung anderer Länder bedeuten müsste. Doch derzeit sperrt sich vor allem Frankreich.

Und hinter vorgehaltener Hand äußern US-Regierungsbeamte auch eine ganz andere Sorge: Ein Eingreifen der USA könnte die libysche Aufstandsbewegung in Verruf bringen. Gaddafis Propaganda könnte die Aufständischen als "amerikanische Lakaien" denunzieren - und die USA als die Supermacht, die nach dem Öl greift.

Peer Meinert, DPA DPA

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