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Freie Wahlen in Libyen Finger hoch für die Demokratie


Sie stoßen Freudentriller aus und verteilen Schokolade: Libyen feiert knapp ein Jahr nach Gaddafis Tod die ersten freien Wahlen. Trotz der Euphorie kam es zu Zwischenfällen. Ein Mann wurde erschossen.

Samira bin Ghasi stand früh auf, zog ihre beste Kleidung an und machte sich auf den Weg: Sie wollte schnell zu ihrem Wahllokal in der ostlibyschen Stadt Bengasi, um dort an den ersten freien Wahlen des Landes seit etwa einem halben Jahrhundert teilzunehmen. "Ich hätte diesen Augenblick um nichts in der Welt versäumt", sagt die 53 Jahre alte Lehrerin, nachdem sie ihre Stimme zur Wahl des Allgemeine Nationalkongresses abgegeben hat.

Libyen feiert acht Monate nach dem Ende von Machthaber Muammar al-Gaddafi seine neue Freiheit. Rund 2,7 Millionen Menschen waren am Samstag zur Abstimmung aufgerufen. Sie bestimmten eine 200 Mitglieder starke Versammlung, die einen Ministerpräsidenten und ein Kabinett ernennen soll. Doch trotz der Euphorie kam es auch zu Zwischenfällen. Im Osten Libyens ist ein Gegner der Wahlen erschossen worden. Der Mann habe versucht, in der Stadt Adschdabija eine Wahlurne aus einem Wahllokal zu stehlen, teilten lokale Behörden mit. Es sei zu einem Schusswechsel mit Einwohnern gekommen, die eine Störung der Wahl verhindern wollten, bei dem der mutmaßliche Dieb ums Leben kam.

Kritik an Übergangsregierung

In den Wochen vor der Wahl gab es im Osten des Landes Kritik an der Übergangsregierung. Manche fordern die Rückkehr zum föderalen System der Vor-Gaddafi-Zeit. "Die haben wohl den Verstand verloren", sagt Bin Ghasi hingegen verärgert. "Das wird nie geschehen." Wenn man das Land jetzt zerteilen wolle, dann hätte man Gaddafi ja gar nicht erst absetzen müssen, sagt sie. Doch ihr Ärger verfliegt, als sie im Wahllokal eine Freundin trifft. Beide stoßen schrille Freudentriller aus, wie man sie sonst auf libyschen Hochzeiten hört.

Auch in der Hauptstadt Tripolis überwiegt die Freude darüber, endlich die Wahl zu haben. Trotz der brütenden Hitze versammeln sich die Menschen auf dem Märtyrerplatz, um zu feiern. Hier hatten sich die Demonstranten zu Beginn der Revolution oft versammelt, um gegen den damaligen Machthaber Muammar al-Gaddafi zu protestieren. Vor den Wahllokalen bilden sich lange Schlangen, einige Wähler warten 90 Minuten, um endlich ihre Stimme abzugeben. Danach zeigen viele stolz den tintengefärbten Finger, der zeigt, dass sie bereits gewählt haben.

Der Wahltag ist für viele Libyer ein Grund zur Hoffnung

Doch in Bengasi herrscht nicht nur Begeisterung über die Wahl. Bewaffnete, die ein stärkeres politisches Gewicht des Ostens im neuen Libyen fordern, stürmen am Samstag ein Wahlbüro in Bengasi, verprügeln Wachleute und lassen die Wahlzettel mitgehen, wie Augenzeugen berichten. Als sie aus dem Wahlbüro rennen, feuern sie auf ein leerstehendes Polizeifahrzeug. Landesweit bleiben rund hundert Wahlbüros wegen Sabotageakten geschlossen, die meisten von ihnen im Osten. Nach dem Sturz Gaddafis hatten Experten immer wieder gewarnt, das Land könne angesichts der Rivalitäten der Regionen auseinanderfallen.

Für die meisten Menschen ist der Wahltag trotzdem ein Grund zur Hoffnung. Der 26-jährige Siradsch al-Schaichi zeigt seinen tintenverfärbten Finger und sagt: "Ich bin hierhin gekommen, um mein Recht zu wählen auszuüben und um am demokratischen Prozess teilzunehmen. Ein halbes Jahrhundert lang war uns das nicht erlaubt." Viele der Neuwähler schwenken die Landesflagge und machen das "Victory"-Zeichen. Die 53-jährige Jasmin Mofta fasst beim Betreten des Wahllokals in Worte, was die meisten denken: "Zum Wohle Libyens!"

mai/AFP/DPA DPA

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