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Unruhen in Libyen: Gaddafis erbarmungslose Söldner

Der Umbruch in Libyen vollzieht sich im Gegensatz zu Tunesien und Ägypten blutig und gewaltsam. Gaddafi hat einen Großteil der Armee noch unter Kontrolle – und kann auf gekaufte Soldaten zählen.

Beim Aufstand in Tunesien gegen Ben Ali sorgte die Armee für Ruhe, versuchte die Lage nicht eskalieren zu lassen. In Ägypten standen die Soldaten tagelang auf dem Tahrir-Platz in Kairo, versuchten Mubarak-Gegner und –Befürworter zu trennen. Demonstranten turnten auf Panzern. Offiziere wurden von den Aufständigen gefeiert. In beiden Ländern gab es Tote und Verletzte, doch im Vergleich zu Libyen waren die Unruhen geradezu friedlich.

Das Aufbegehren gegen das Regime hat in Libyen eine andere Qualität. Von Beginn an waren die Proteste gewalttätig. Die Gegenwehr von Seiten Gaddafis schien weitaus heftiger. Doch es kämpft nicht nur die libysche Armee. Bereits in den ersten Stunden gab es Berichte, dass Söldner für Gaddafi unterwegs seien. In Bengasi und Tripolis sollen sie auf die Demonstranten schießen. Aber auch in anderen Städten wurde die Beobachtung gemacht. "Viele Libyer scheinen nicht mehr dabei zu sein", sagt einer, der sich schon in den ersten Tagen der Unruhen nach Ägypten durchschlagen konnte.

"Ich bin sicher, dass solche Söldner vor allem im Westen des Landes eingesetzt werden", sagte der libysche Vizebotschafter bei den Vereinten Nationen Ibrahim Dabbashi. Die Söldner kämen "aus vielen afrikanischen Ländern". Der Diplomat, der sich von Gaddafi losgesagt hatte, sprach von einem "beginnenden Völkermord".

12.000 Dollar pro getötetem Demonstrant?

Die Vermutung Dabbashis stimmt mit Augenzeugenberichten überein. "Was hier in Tadschura passiert ist, ist ein Massaker", sagte ein Einwohner. Ein Augenzeuge im Vorort Fachlum berichtete von Hubschraubern, die über dem Viertel kreisten und bewaffnete afrikanische Söldner herabließen. Es habe zahlreiche Tote gegeben. Ein Polizist in der nordostlibyschen Stadt Al-Baidha berichtete, dass Aufständische dort 200 Söldner getötet hätten. Den ausländischen Soldaten seien vom alten System 12.000 Dollar für jeden getöteten Gaddafi-Gegner geboten worden, hieß es.

Und der zurückgetretene libysche Justizminister Mohamed Abdul al-Jeleil bestätigte die schrecklichen Gerüchte. "Ich weiß davon, dass das Regime schon lange vorher diese Söldner angeheuert hat. Bei mehreren Kabinettssitzungen wurde beschlossen, diesen Leuten aus dem Tschad und Niger die libysche Staatsbürgerschaft zu geben", sagte er der schwedischen Zeitung "Expressen". Eine Augenzeugin der brutalen Kämpfe berichtete, dass die Söldner auch aus Mali kommen.

Seit Jahrzehnten hat das gut zahlende Ölland Libyen ausländische Söldner unter Waffen. Als selbst ernannter Führer der arabischen Welt ließ Gaddafi 1972 eine "Islamische Legion" aufstellen. Ihre Soldaten wurden vor allem in den Sahelstaaten Mali, Niger, Tschad und Sudan sowie in Pakistan rekrutiert. Später sollen auch Söldner aus Nigeria, Liberia, Äthiopien, Somalia, Indien und anderen Staaten gekommen sein. Die aktuelle Stärke der "Legion" wird auf 2500 Mann geschätzt. Sie soll nach den Unruhen in Tunesien und Ägypten aufgestockt worden sein.

Vom Geistlichen zum Gaddafi-Kämpfer

Den Söldnereinsatz halten offenbar auch die nicht für abwegig, die Muammar al Gaddafi besser kennen. Im kenianischen Parlament wurde der amtierende Außenminister George Saitoti gefragt, ob er Informationen über kenianische Söldner habe. "Ich habe im vergangenen Jahr Libyen besucht und dort Kenianer getroffen, die als Soldaten ausgebildet wurden, obwohl sie eine Ausbildung als Religionsgelehrte erhalten sollten", sagte der Abgeordnete Gitobu Imanyara.

In Harare gab sich Simbabwes Verteidigungsminister Emmerson Mnangagwa Medienberichten zufolge bei einer ähnlichen parlamentarischen Anfrage bedeckt. Die Opposition zitierte Berichte, nach denen simbabwische Soldaten an der blutigen Niederschlagung von Demonstrationen in Libyen beteiligt gewesen sein sollen. Simbabwes Präsident Robert Mugabe hat gute Beziehungen zu Gaddafi.

Gerade in westafrikanischen Staaten wie Guinea, Sierra Leone oder Elfenbeinküste, aber auch im Kongo, Tschad oder Sudan gibt es nach Jahren von Krieg oder Bürgerkrieg ein Überangebot an Waffen - und an Männern, die oft nichts anderes gelernt haben als das Kämpfen. Zudem stehen die Länder oftmals in Gaddafis Schuld. Tschads Präsident Idriss Déby ist 1990 mit Gaddafis Hilfe an die Macht gekommen. Jetzt hat er 1000 Soldaten seinem Verbündeten gesandt.

Erst diskriminiert, dann ergeben zu Diensten?

Das Regime leugnet jedoch den Einsatz von Söldnern. Die dunkelhäutigen Männer in Uniform seien dunkelhäutige Libyer, die der Minderheit der Tabou angehörten. Dass ausgerechnet die Tabou, die unter Gaddafi diskriminiert und aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben wurden, nun für ihn kämpfen, ist jedoch wenig wahrscheinlich.

Die UN hatte sich bereits besorgt gezeigt, dass Libyer Flüchtlinge aus Somalia oder Mail jagen, weil sie in ihnen Söldner vermuten. Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat nach eigenen Angaben keine Hinweise auf den Einsatz afrikanischer Söldner. Der Direktor der Organisation für Notfallsituationen, Peter Bouckaert, sagte am Freitag in Bengasi, Informationen über in Libyen aktive Söldner könne er derzeit nicht bestätigen. Wegen der entsprechenden Gerüchte seien aber schon viele afrikanische Einwanderer in Libyen gewalttätig angegriffen worden. So seien am Mittwoch in Brega, 200 Kilometer westlich von Bengasi, fünf angebliche Söldner gefangen genommen und fast gelyncht worden.

swd mit DPA/AFP/Reuters / Reuters