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Muammar al-Gaddafi: Psychogramm eines Despoten

Libyens Machthaber Gaddafi droht der Untergang. Weichen will er nicht. Im Gegenteil. Er heuert Söldner an, lässt auf sein Volk schießen. Warum? Der dienstälteste Diktator der Welt kann nicht anders.

Von S. Mertins, Berlin und J. Dieterrich, Johannesburg

Die Wüste steht in Flammen. Beißender schwarzer Rauch quillt aus mehr als 600 Bohrlöchern und hüllt das Land in eine gespenstische Dämmerung. Die Ölquellen brennen, angezündet von einem größenwahnsinnigen Diktator. Schätzungsweise fünf bis sechs Millionen Barrel werden so jeden einzelnen Tag vernichtet, die Brandherde sind vermint, um die Löscharbeiten zu erschweren.

20 Jahre ist es her, dass der irakische Machthaber Saddam Hussein das besetzte Kuweit verbrannte, bevor seine Armee im ersten Golfkrieg vor den alliierten Truppen floh. Zehn Monate loderten die Flammen, eine ökonomische und ökologische Katastrophe, die weite Gebiete des Emirats sowie des persischen Golfs verseuchte. Wenn er, Saddam, Kuweit nicht haben konnte, sollte es auch niemand sonst bekommen, so die krude Logik des Despoten.

Er reißt sein Land mit in den Abgrund

Nun droht Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi sein Land in ein ähnliches Desaster zu treiben. Seine Lage erscheint aussichtslos - und seine Weltsicht ist dieselbe wie die Saddams: entweder ich oder der Untergang. Er wolle bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, verkündete er in einer hochgradig verwirrten, von Wutanfällen unterbrochenen Fernsehansprache am Dienstag. Er werde als "Märtyrer sterben". Nicht ohne sein Land mit in den Abgrund zu reißen.

Der 68-Jährige soll ihm ergebene Truppen angewiesen haben, die Ölindustrie zu sabotieren und die Quellen anzuzünden, wenn der Aufstand gegen ihn nicht niederzuschlagen sei, heißt es. Anfangen wolle man damit, die Pipelines in die Luft zu sprengen, berichtet das US-Magazin "Time" unter Berufung auf libysche Regierungskreise.

"Er hält sich für Gott"

Ob die Informationen stimmen oder nicht, kann derzeit niemand nachprüfen, doch Beobachter sind sich einig: Eine Politik der verbrannten Erde würde passen zu dem selbst ernannten Revolutionsführer, der mit Vorliebe operettenhafte Outfits trägt und sich in absolutistischer Manier für die Verkörperung des Staates hält. Für Gaddafi ist Gaddafi Libyen. Und Libyen Gaddafi."Er hält sich für Gott", sagt Mohammed Ben Hmeda, ein in Deutschland lebender Oppositioneller, den der Diktator vor 25 Jahren zum Tode verurteilen ließ.

Es ist diese vollkommene Überhöhung der eigenen Person, die den Herrscher von den gestürzten Potentaten in den Nachbarländern unterscheidet. Während Zine al Abidine Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in Ägypten auf Druck des Militärs abtraten, lässt Gaddafi gnadenlos auf das eigene Volk schießen. Ähnlich wie Saddam oder Hitler gibt es für ihn nur zwei Optionen: Sieg oder völlige Vernichtung. "Die Ölindustrie in Flammen aufgehen zu lassen, wäre Gaddafis letzte Verzweiflungstat", sagt Hanspeter Mattes, Libyen-Experte des Hamburger Giga-Instituts.

Seit mehr als 40 Jahren herrscht Gaddafi nahezu unumschränkt über den Sechs-Millionen-Einwohner-Staat - länger ist kein anderer Staatschef der Welt im Amt. Über seine Herkunft gibt es verschiedene Geschichten. Angeblich entstammt er einer Beduinenfamilie aus der Region Tripolitanien, offiziell wird Mohammed Abdul Salam bin Hamed bin Mohammed al-Gaddafi als sein Vater angegeben. Andere Quellen behaupten sein Vater sei der korsische Kampfpilot Albert Preziosi gewesen.

Schon in jungen Jahren war Gaddafi glühender Anhänger arabisch-sozialistischer Ideologien. Sein Geografiestudium brach er ab und ließ sich in Großbritannien zum Offizier ausbilden. 1969 putschte der 27-Jährige mit seinem "Bund freier Offiziere" den libyschen König Idris aus dem Amt und formte das Land zu einem sozialistischen Staat. Im Volk wurde er als Revolutionär und Befreier wahrgenommen - und er verstand es geschickt, diesen Nimbus zu nutzen, um einen Kult um seine Person aufzubauen.

Auf Protest steht die Todesstrafe

Heute, nach vier Jahrzehnten an der Macht, kann sich der Diktator kaum noch an die Zeit vor dem Putsch erinnern. Und die meisten Libyer können es auch nicht. Sie sind, wie überall in der arabischen Welt, mehrheitlich unter 30 Jahre alt. Dafür kann sich die Mehrzahl der Menschen eine Zukunft ohne Gaddafi offenbar ganz gut vorstellen. Der Despot ist entsprechend entsetzt.

Widerspruch, das ist etwas, das es in Libyen bisher nicht gab. Im Westen mag Gaddafi als skurrile Witzfigur gelten, so manchen Politiker hat er an den Rand des Wahnsinns getrieben, in dem er ihn in seinem Beduinenzelt bei Datteln, umspielt von seiner weiblichen Leibgarde stundenlang warten ließ, um anschließend einen Monolog zu halten.

In seiner Heimat dagegen konnte kaum jemand über ihn lachen. Der Despot hat den Ölstaat, Deutschlands fünftwichtigster Lieferant, mit gnadenloser Härte regiert. 1973, nur vier Jahre nach seiner Machtergreifung, war von der erhofften Freiheit bereits nichts mehr zu spüren: In seinem "grünen Buch", eine Art Gaddafi-Manifest, aus dem er auch in seiner verwirrten Rede am Dienstag zitierte, schrieb der Diktator die Grundzüge seiner Herrschaft fest. Ein Punkt darin: Auf Proteste gegen ihn steht die Todesstrafe.

Diktator-Gesicht von Botox gezeichnet

Ist der vermeintlich Schuldige nicht greifbar, gilt Sippenhaft. Zwei seiner Brüder wurden umgebracht, als bekannt wurde, dass er sich im Ausland gegen Gaddafi engagiere, sagt der Exillibyer Nuri Grabai. Er demonstriert seit Tagen vor der libyschen Botschaft und dem Auswärtigen Amt in Berlin. "Gaddafi ist unglaublich brutal." Das hat im Ausland lange keinen interessiert. So kabelte der ehemalige US-Botschafter in Tripolis, Gene Cretz, laut Wikileaks nach Washington, bei Gaddafi handele es sich um eine "sprunghafte und exzentrische Figur, die unter schwerwiegenden Zwängen leidet, den Flamenco-Tanz sowie Pferderennen liebt, sich von Marotten leiten lässt und Freunde wie Feinde gleichermaßen aus der Fassung zu bringen pflegt."

Der Gesandte der Supermacht verwies etwa darauf, dass der libysche Staatschef ungern über Meere fliege und vom Charakter her ein "Hypochonder" sei: Seine Besuche bei Ärzten lasse er mit Videokameras aufzeichnen. Seine schlaffe Gesichtsmuskulatur sei den vielen Versuchen von Schönheitschirurgen zuzuschreiben, die faltige Haut mit "Botox"-Spritzen zu glätten.

Solche Schrulligkeiten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gaddafi ein Meister der Manipulation ist und die Staatsgeschäfte fest im Griff hat, wie auch Cretz in seinen Depeschen bestätigt: Er habe sein Land und dessen "zerstrittene Stämme" über vier Jahrzehnte "erfolgreich dominiert". Der Staatschef übe über alle wichtigen Resorts seiner Regierung die Kontrolle aus: Er überprüfe jeden Staatsauftrag, der mehr als 200 Millionen Dollar betrage, suche eigenhändig die wichtigen Repräsentanten der Bürokratie aus und sei "selbst über Details der Innen- und Außenpolitik stets bestens unterrichtet."

Bei seinen Nachbarn verhasst

Doch nun bröckelt die Machtbalance zwischen den Stämmen, der Armee und den Sicherheitsdiensten. Geblieben ist dem Langzeitdespoten nur sein vergleichsweise kleiner Stamm, die Bataillone, die seine Söhne führen, seine berühmte weibliche Leibwache und sein Beduinenzelt.

Anders als Ben Ali oder Mubarak kann er noch nicht einmal in einen der arabischen Nachbarstaaten fliehen, denn die hat er gern als Lakaien des Westens beschimpft - und ist dort ebenso verhasst wie im eigenen Land. Noch bei seinem letzten großen Auftritt bei der Arabischen Liga 2009, rühmte er sich selbst als "internationaler Führer, Vorsitzender der arabischen Herrscher, König der Könige Afrikas und Imam der Muslime".

So bleibt ihm kaum ein anderer Ausweg, als seine "Revolution" bis zum Ende zu verteidigen. Ähnlich wie Saddam Hussein, ist ihm alles zuzutrauen: die Zerstörung der Ölfelder oder die Geiselnahme von Ausländern, sollte die internationale Gemeinschaft eingreifen. Gefangen nehmen lassen würde er sich wohl nicht, sagt Libyen-Experte Mattes. "Eher lässt er sich erschießen von jemandem aus seinem Umfeld. Und wenn's der eigene Sohn ist."

Mitarbeit: Marina Zapf, Astrid Frefel, Raniah Salloum / FTD