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Libyer im Grenzgebiet: Sieg gegen die Angst, Kampf gegen Gaddafi

Sie haben Freunde verloren, aber sie haben keine Angst mehr: Wie Libyer vom Grenzgebiet in Ägypten aus den Widerstand im Osten ihrer Heimat unterstützen.

Von Christoph Reuter aus Marsa Matruh

Eigentlich wäre es jetzt ruhig hier. Es ist Winter, da ist normalerweise im ägyptischen Marsa Matruh im Grenzgebiet zu Libyen nicht viel los. Doch in diesem Jahr ist nichts normal, Nordafrika erlebt wilde Zeiten. Ägypten hat seinen Aufruhr gerade hinter sich, im Nachbarland ist er in vollem Gange. Vom Grenzübergang Sallum kommen im Minutentakt Konvois flüchtender ägyptischer Gastarbeiter aus Libyen in der Stadt an, in der Gegenrichtung ist gerade ein Zug von Pickups hupend vorbeigezogen, beladen mit Lebensmitteln, Milchpulver, Medikamenten. "Den übernehmen unsere Leute an der Grenze", sagt ein libyscher Ingenieur, "das sind alles Spenden von Ägyptern. Nach ihrer Revolution helfen sie jetzt unserer."

Der Ingenieur und seine Freunde sitzen in einem kleinen Café in Marsa Matruh, der letzten Stadt in Ägypten vor der Grenze. Sie erzählen vom Leben in der Heimat. "Wir hatten immer Angst, verstehst du: ein Leben lang Angst." Wovor? "Vor der Polizei. Den Milizen. Den Geheimdiensten. Vor Gaddafi . Aber auch davor, dass wir uns gar nicht vorstellen konnten, was käme, wenn er fort wäre." Und nun? "Scheinen wir keine Angst mehr zu haben." Sie schauen fasziniert und erstaunt aus, als sie über ihrer eigenen Worte nachdenken. Als hätten sie vor Tagen ein neues Naturgesetz entdeckt. Dass man auch keine Angst haben kann. Selbst wenn der Preis dafür hoch gewesen ist. Fast jeder hier am Tisch hat Freunde in den Kämpfen der vergangenen Woche verloren. Alle kommen sie aus den Städten des libyschen Ostens, in denen der Aufstand gegen Gaddafi und sein Regime vor Tagen ausgebrochen ist.

Der Ingenieur stammt aus Tobruk, wo die Soldaten der Armee zu den Rebellen übergelaufen sind, "aber wir haben jeden Tag Angst gehabt, dasss Gaddafi die Stadt bombardieren lässt. Oder seine Killertruppen einfliegen lässt. Da haben wir die Landebahn des Luftwaffenstützpunkts zerstört", und er selber habe einen der Trecker gefahren, um die dünne Piste mit Pflügen zu ruinieren.

"Die Särge reichten nicht mehr aus"

Ein anderer kommt aus Baida, wo ausländische Söldner mit schweren Maschinengewehren in die Menge schossen: "Die Särge reichten nicht mehr aus", aber zu jeder Beerdigung seien mehr Menschen gekommen, die anschließend in den Kampf gezogen seien. Zu den nächsten Beerdigungen seien wieder mehr Menschen gekommen. Und so fort. "Gaddafi hat sein eigenes Volk bombardieren lassen!"

Permanent läuft der Fernseher im Café, ununterbrochen berichten die Sender vom Kampf auf der anderen Seite der Grenze, verwackelte Szenen von Schüssen und Feuer, Bilder von aufgereihten Leichen, immer wieder eingeblendet, die neueste Rede Gaddafis , dass von Drogen verwirrte al-Qaida-Anhänger hinter dem Aufstand steckten. Wütendes Gelächter vom Tisch. "Ja, und ich bin der Osama", stellt sich der Ingenieur der Runde vor.

Das Grauen mischt sich mit der Komik der Verzweiflung, mit der Gaddafi seinen Untergang aufhalten möchte. Gaddafis Auftritt mit Regenschirm? "Klar, er plant seine nächste Karriere beim Wetterbericht." Gaddafis letzte loyale Truppen? "Viele Libyer scheinen nicht mehr dabei zu sein", sagt ein dritter aus der Runde, während im Fernsehen gerade der nächste libysche General erklärt, sich dem Aufstand des Volks angeschlossen zu haben. Nachdem zuvor der Geheimdienstchef von Bengazi dasselbe erzählt hat, ebenso ein Oberst aus Sebta, nachdem der x-te Botschafter übergelaufen ist und der Innenminister die Seiten gewechselt hat. "Wir werden siegen", sagen die Männer am Tisch, immerfort telefonierend und rauchend. Geflohen seien sie nicht, sondern dafür zuständig, Hilfstransporte aus Ägypten, Journalisten, Ärzte sicher nach Libyen zu bringen.

"Die aktuelle Aufstandslage" - Wetterbericht von der Front

Mit der Nonchalance der Erfahrung, dass jahrzehntealte Diktaturen am Mittelmeer derzeit im Drei-Wochen-Rhythmus in die Knie gehen, hat der weithin geschaute Satellitensender Al-Arabiya seine Libyen-Berichterstattung der Wetterfee übertragen: Vor einer Karte mit den großen Städten des Landes erklärt die Frau exakt im Singsang des Wetterberichts "die aktuelle Aufstandslage". Tobruk, Baida, Bengasi im Osten stünden bereits unter Kontrolle des Volkes, ebenso mehrere Städte im Westen, markiert mit Miniaturflaggen den alten rot-schwarz-grünen Nationalfarben. In Misurata in der Mitte komme es derzeit wieder zu Kampfhandlungen, in Tripoli sei die Lage noch unklar. Siirt werde weiterhin von Gaddafi kontrolliert, markiert von einer kleinen grünen Flagge. Alles im freundlich erklärenden Duktus, in dem sonst Tiefdrucklagen und Windrichtungen referiert werden. Einen eingeblendeten Kampfjet mit Pfeil von der Stadt Sebha im Süden nach Tripoli erläutert die Frau in derselben Tonlage damit, dass es zu vereinzelten Bombardements der Hauptstadt gekommen sei.

Dann kommen wieder Bilder von Leichen, fliehenden Menschen im Schein der Feuer, und gebannt schauen alle wortlos auf den Schirm.

Wer regiert jetzt in den befreiten Städten?

"Niemand. Alle. Überall gibt es Kommittes, die sichern ihr Viertel, die Stadt, die Straßen." Gestern sei die Strecke bis Bengasi sicher gewesen. Heute schon bis Idschabiya eine Autostunde weiter westlich. "Und übermorgen bis Tripoli", sagt der Ingenieur. Er klingt fast sachlich dabei. Und tut etwas, wovor er bis vor zwei Tagen zuviel Angst gehabt hätte - seinen Namen zu nennen: "Ich heiße Suleiman Zgailil!"