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Unruhen in Libyen: Gaddafi nimmt Demonstranten unter Feuer

Dramatische Lage in Libyen: Diktator Gaddafi geht brutal gegen Demonstranten vor, soll sogar Scharfschützen einsetzen. Die Hafenstadt Bengasi ist laut Beobachtern "völlig außer Kontrolle".

Bei den Unruhen in Libyen sind nach Angaben der Opposition binnen zwei Tagen mehr als 200 Menschen getötet worden. Die Website "Libya al-Youm" sprach am Sonntag von 208 Toten. In der Stadt Bengasi habe sich ein Teil der Soldaten den Aufständischen angeschlossen. Einige Städte sollen nach Angaben von Oppositionellen ganz oder zum Teil "befreit" sein. Auch vor dem Weißen Haus in Washington und der libyschen Botschaft in London protestierten mehrere hundert in Großbritannien lebende Libyer gegen das Gaddafi-Regime. Sie baten den Westen dringend um Hilfe. "Mein Land schwimmt in einem Bassin voller Blut", sagte ein 56-jähriger Arzt, der in Birmingham lebt. "Die Menschen werden auf offener Straße massakriert. Es ist ein Blutbad." Das Auswärtige Amt rät von allen Reisen nach Libyen ab. EU-Außenministerin Catherine Ashton rief zu einem Ende der Gewalt auf.

In der Hafenstadt Bengasi schossen Einwohnern zufolge am Samstag Scharfschützen der Sicherheitskräfte aus einem befestigten Gelände heraus auf Demonstranten. Dutzende Menschen seien getötet worden. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa zitierte einen Augenzeugen, wonach die Stadt nach den tagelangen Unruhen "völlig außer Kontrolle" sei. Einwohnern zufolge wurden allmählich die Lebensmittel knapp.

Der arabische Fernsehsender Al-Dschasira berichtete zuvor von mindestens 15 Toten, als Sicherheitskräfte das Feuer auf eine Trauerfeier eröffnet hätten. Führende muslimische Geistliche des Landes riefen die Sicherheitskräfte auf, das gewaltsame Vorgehen gegen die Demonstranten zu beenden.

"Stoppt das Massaker jetzt"

"Dutzende wurden getötet, ...nicht 15, Dutzende. Wir befinden und mitten in einem Massaker", sagte ein Einwohner. Seinen Worten zufolge wurden die Demonstranten erschossen, als sie versuchten in die Kommandozentrale der Sicherheitskräfte einzudringen. Ein anderer Einwohner sagte, die Sicherheitskräfte hätten sich auf das Gelände der Einsatzleitung zurückgezogen.

Ein Italiener berichtete der Agentur Ansa aus der Stadt, dass Regierungs- und Verwaltungsgebäude sowie eine Bank niedergebrannt worden seien. "Die Rebellen haben geplündert und alles zerstört", sagte der Augenzeuge. Nirgendwo sei Polizei zu sehen. Eine Gruppe muslimischer Geistlicher forderten die Sicherheitskräfte auf, dem Töten ein Ende zu machen. "Stoppt das Massaker jetzt", hieß es in ihrem Appell.

Zuvor waren erneut Tausende Menschen im rund 1000 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis gelegenen Bengasi auf die Straße gegangen, um gegen Staatschef Muamar Gaddafi zu demonstrieren. Bereits bei den Protesten in den vorangegangenen drei Tagen waren nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch mindestens 84 Menschen getötet.

Viele Tote bei Trauermarsch

Nach einem Bericht der Zeitung "Kurina" wurden in Bengasi mindestens zwölf Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Eine Menschenmenge habe auf dem Weg zur Beisetzung zweier getöteter Demonstranten eine Militärkaserne mit Molotowcocktails angegriffen, sagte der Chefredakteur der Zeitung, Ramadan Briki, unter Berufung auf Sicherheitskreise. Die Soldaten hätten darauf das Feuer auf die Menge eröffnet.

Ein Einwohner Bengasis, das als Oppositionshochburg gilt, sagte dem britischen Sender BBC, dass die Truppen den Trauerzug mit Mörsern und Maschinengewehren angegriffen hätten. Es habe sich um ein "Massaker" an Zivilisten gehandelt, den Krankenhäusern würden bereits die Blutspenden ausgehen, berichtete der Sender El Dschasira unter Berufung auf Augenzeugen. Nach Angaben von Ärzten seien mindestens 15 Menschen getötet worden.

Verschwörungstheorien werden verbreitet

Eine unabhängige Bestätigung für die Angaben gab es nicht. Ausländische Reporter sind nicht zugelassen, einheimischen Journalisten wurde die Reise nach Bengasi verwehrt, wo die Unterstützung für Gaddafi deutlich geringer als in anderen Landesteilen ist.

Die Regierung äußerte sich nicht zu den Gewaltausbrüchen. Es sind die schwersten Unruhen in Gaddafis 40-jähriger Herrschaft. Wegen der Medienzensur ist das Ausmaß der Proteste aber nur schwer abzuschätzen. Zudem waren die Mobilfunkverbindungen in das Zentrum des Protests im Osten des Landes häufig unterbrochen. Auch wurde die Internet-Verbindung in Libyen gekappt. Libyen macht eine ausländische Verschwörung für die Unruhen verantwortlich. Die staatliche Nachrichtenagentur Jana verbreitete am Samstagabend, die Sicherheitskräfte hätten Angehörige einer Verschwörergruppe festgenommen, darunter Palästinenser, Tunesier und Sudanesen. Es sei möglich, dass der israelische Geheimdienst seine Finger im Spiel habe.

Anfangs hatten die libyschen Staatsmedien den Aufstand gegen Staatschef Muammar al-Gaddafi völlig ignoriert. Dann war von Saboteuren die Rede, die öffentliche Gebäude zerstörten. Jetzt werden Verschwörungstheorien verbreitet.

Fernsehbilder aus den umkämpften Städten gab es nicht. Die Opposition dokumentiert ihren Aufstand in verwackelten Amateurvideos.

Erstmals Massenproteste auch in Marokko

Erstmals haben am Sonntag auch in Marokko mehrere tausend Menschen politische Reformen gefordert. In der Hauptstadt Rabat, in Casablanca, Tanger und anderen Städten verlangten die Demonstranten eine Beschneidung der Macht des Königs. Etwa eintausend Menschen versammelten sich im Zentrum von Casablanca und riefen Parolen wie "Freiheit, Würde, Gerechtigkeit", wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Auf Plakaten stand "Das Volk will eine neue Verfassung". Mehr als 2000 Demonstranten gingen in Rabat auf die Straße und riefen "Das Volk will den Wandel". Eine Gruppe junger Marokkaner hatte über das Internetnetzwerk Facebook zu den Protesten aufgerufen.

dho/fo/DPA/Reuters/AFP / DPA / Reuters