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Folterskandal: Wenn sich Menschen an der Macht berauschen

Die schrecklichen Vorfälle im irakischen Gefängnis Abu Ghreib werfen die Frage auf: Warum sind Folter und Demütigung selbst unter Demokraten bis heute an der Tagesordnung?

Es war eine Kunst, im Auftrag der mächtigsten Demokratie der Welt zu foltern. Man konnte dem Häftling keine offenen Wunden zufügen und schon gar nicht dauerhafte körperliche Schäden. Verhörspezialisten der CIA mussten so tun, als würden sie die Genfer Menschenrechtskonventionen nicht verletzen oder wenigstens nicht die Antifolter-Regelungen der US Army.

Darum, recherchierte der Journalist Mark Bowden für "Atlantic Monthly", bediente man sich im "Kampf gegen den Terror" des Lichts, der Dunkelheit, des Krachs und der Kälte. Man setzte Häftlinge der Schlaflosigkeit aus, ließ sie frieren, hungern, verletzte ihr Schamgefühl, unterband jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Man vernahm mal tagelang, mal nur Minuten, mal über die Maßen freundlich, mal harsch, verhüllte den Kopf. Am meisten aber verunsicherte die Gefangenen, dass sie nicht wussten, wann und ob das jemals enden würde.

Warum quälen Menschen Menschen?

Folter ist ein Phänomen, das weit von uns weg schien, barbarisch, vergangen. In der Geschichte zu Hause, in Gulags und Konzentrationslagern, gelegentlich wieder anzutreffen in Diktaturen und Scheindemokratien Lateinamerikas, immer wieder in Kriegen. Hierzulande besichtigen wir die Zeugnisse der Qual in KZ-Gedenkstätten, Stasi-Gefängnissen oder in Verliesen von Burgen. Warum quälen Menschen Menschen - und das womöglich im Auftrag? Warum passiert das nach einem Jahrhundert der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, nach Hitler, Stalin, Pol Pot, Pinochet? Noch dazu haben dies Amerikaner getan, die in Freiheit aufwuchsen, die zur Schule gingen, zu essen hatten und frei wählen konnten. Warum also?

Weil das System und das Umfeld allein den Menschen nicht menschlich machen, sagt der Psychoanalytiker Arno Gruen. Menschen, die in Stresssituationen plötzlich bereit sind, andere Menschen zu quälen und zu demütigen, "wurden als Kinder selbst gedemütigt", sagt der 80-jährige Autor zahlreicher Bücher zum Thema Folter. Gewalt und Lieblosigkeit müssten zu Hause nicht offen zutage getreten sein. Ein Kind verinnerliche Anpassung und Gehorsam auch, wenn es sich die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern erst durch wohlfeiles Verhalten erkaufen müsse. Damit aber werde der Grundstein zur Aggression gelegt. "Wer sich von Anfang an als schwach erlebt, wenn er Gefühle zeigt, reagiert unmenschlich und brutal auf die Schwäche anderer."

Der Psychotherapeut Ralf Weber sagt, dass zudem extremer, militärischer Drill in jungen Jahren Aggressionen schüre und gegen "Feinde" lenke. Fatal sei das, "weil Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren noch unsicher und in einer Phase der Identitätssuche sind". Normalerweise lerne man da, sich abzunabeln und selbst Entscheidungen zu treffen. Rekruten in den USA erfahren das Gegenteil.

"Sie lernen nie, Dinge in Zweifel zu ziehen"

Das Ausbildungsprinzip bei den US Marines, erst den Willen der Neulinge durch Erniedrigungen zu brechen, um ihnen dann den Willen und die Feindbilder der Armee einzutrichtern, führe dazu, dass die Rekruten eigenes Denken und Handeln zurückstellten zugunsten der Gruppe und eines übergeordneten Interesses. "Sie lernen nie, Dinge in Zweifel zu ziehen." Optimale Voraussetzungen für absoluten Gehorsam. Übersteigerter Nationalstolz verleite außerdem dazu, sich über andere zu erhöhen.

Ob Folter in Ausnahmen zulässig sei, darüber streitet man seit vergangenem Jahr auch in Deutschland. Der Vizepräsident der Frankfurter Polizei, Wolfgang Daschner, hatte dem Mörder des Bankierssohns Jakob von Metzler während eines Verhörs Folter angedroht. Die Polizei wähnte den elfjährigen Jakob noch lebend und hoffte, so das Versteck des Entführten zu erfahren. Die Staatsanwaltschaft hat nun Anklage gegen Daschner erhoben.

Obwohl Grundgesetz, Menschenrechts- und UN-Konventionen keinen Zweifel an der Unzulässigkeit der Folter unter allen Umständen lassen, sprangen selbst renommierte Verfassungsrechtler Daschner bei und rechtfertigten sein Handeln. Der Heidelberger Staatsrechtsprofessor Winfried Brugger fragte: "Wo bleibt die Würde etwa des Entführungsopfers, wenn sein Körper als Erpressungsmittel missbraucht wird?" Da es menschliche Würde ohne menschliches Leben nicht geben könne, "muss bei der Aufrechnung Würde gegen Würde die des Opfers Vorrang haben".

Empörung über Bundeswehr-Professor war groß

Wohl weil es um ein Kind ging, war die Empörung im Land über Daschners Folter-Androhung nicht annähernd so heftig wie Anfang Mai, als der Bundeswehr-Professor Michael Wolffsohn sagte, er halte Folter oder ihre Androhung im Kampf gegen Terroristen für legitim. Anfang der Woche musste sich der Historiker gegenüber Verteidigungsminister Peter Struck für seine Äußerungen rechtfertigen.

Die US-Regierung ist weniger skrupulös. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 unterzeichnete US-Präsident George W. Bush eine Reihe von Direktiven, die den verdeckten Kampf der Justiz und der CIA gegen den Terror erleichtern sollten. Verdächtige, die zur Führungsebene der al Qaeda oder des Saddam-Regimes gezählt werden, sind im Zweifel nicht in den USA, also auf dem Boden eines Rechtsstaates, interniert, sondern im Ausland. Nach Recherchen der "New York Times" in Geheimdienstkreisen hat das seinen Grund: Falls die Verhöre doch einmal Spuren am Körper des Gefangenen hinterlassen würden, könnte man diesen Bruch der Menschenrechte juristisch einer anderen Regierung anlasten.

Denn auch ein moderner Folterer kann seine Arbeit nur machen, wenn er eines nicht fürchten muss: Strafe für sein Tun. In einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" spricht der frühere amerikanische Vernehmungsspezialist Michael Manning von einer "beabsichtigten Unklarheit" der US-Politik im Umgang mit Gefangenen. "Im Krieg ist der Druck, zu potenziell lebensrettenden Informationen zu kommen, immens." Manning, der für den Militärgeheimdienst arbeitete, ist überzeugt, dass "die Bilder aus Abu Ghreib erst der Anfang sind".

Verschiedene Typologien von Tätern

Psychotherapeut Ralf Weber macht verschiedene Typologien der Täter aus. Der Sadist, der Lust oder gar sexuelle Befriedigung an der Qual empfindet, sagt er, spiele eine untergeordnete Rolle. Vielfach vertreten sei der unterwürfige Gehorsame, der Befehle ungeprüft ausführe. Andere kompensierten fehlendes Selbstbewusstsein und empfänden die plötzliche Macht über andere "wie einen Rausch", sagt Weber, der in Berlin durch Folter traumatisierte Kurden und Bosnier therapiert. Der frustrierte Folterer wiederum entlade aufgestaute Aggression: Wut auf Vorgesetzte, Verärgerung über die eigene Angst und Überforderung. Siehe Abu Ghreib.

In der inzwischen umbenannten "School of the Americas", einer US-Militärschmiede, die ihren Sitz heute in Columbus im US-Bundesstaat Georgia hat und früher in Panama stationiert war, wurden in den vergangenen 57 Jahren rund 60 000 Soldaten aus Lateinamerika ausgebildet. Sie lernten, wie man Aufstände niederschlägt, Spionage treibt oder psychologisch Krieg führt. In den Menschenrechtsreports über Folter und Verschleppung in Südamerika führen regelmäßig Absolventen dieser Schule die Liste der Verbrecher an.

Dorit Kowitz / print