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Foltervorwürfe: Misshandlungen mit Methode

Der Folter-Skandal im Irak droht noch größere Ausmaße anzunehmen: Die Misshandlungen entsprechen offenbar Techniken, die während der Ausbildung erlernt wurden. Für die Verhöre kamen dann spezielle Ermittler der Streitkräfte ins Gefängnis.

Ein zusammen gewürfelter Haufen von Reservisten, heillos überfordert und frustriert - dieses Bild zeichnet ein Untersuchungsbericht der US-Streitkräfte von der Militärpolizei im Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad. Die Häftlingsaufseher trugen teilweise Zivilkleidung, und alte Freundschaften waren wichtiger als die Kommandostruktur der Militärhierarchie.

Untersuchungsbericht führt unzählige Mängel auf

Der Untersuchungsbericht von Generalmajor Antonio Taguba zu den Hintergründen der Misshandlungen führt unzählige Mängel auf und kritisiert die für die Leitung von Abu Ghraib zuständige Brigadegeneralin Janis Karpinski. Diese habe ausgerechnet die problematischste Einheit ihrer 800. Militärpolizeibrigade, das 320. Bataillon, damit beauftragt, das Gefängnis zu sichern. Dabei war die Reserveeinheit aus der Nähe von Scranton im US-Staat Pennsylvania in keiner Weise darauf vorbereitet. Auf dem Gefängnisgelände von 112 Hektar wurden rund 7.000 Gefangene festgehalten. Das ist fast zwei Mal so viel, wie bei einem Bataillon von nicht mehr als 500 Soldaten üblich ist.

Aus dem 320. Bataillon waren dem Taguba-Bericht zufolge zahlreiche Fälle von persönlichen Zusammenbrüchen bekannt. Und einzelne Mitglieder des Bataillons waren bereits an Misshandlungen von Häftlingen im Mai vergangenen Jahres im Camp Bucca im Süden Iraks beteiligt gewesen.

Für die Verhöre von Gefangenen kamen spezielle Ermittler der Streitkräfte ins Gefängnis. Militärpolizisten von niedrigem Dienstrang befolgten nach Angaben des Untersuchungsberichts die Bitten von Ermittlern, mit Misshandlungen die Gefangenen gefügig zu machen und so vor den Befragungen "die Bedingungen zu richten".

System namens R21

Die britische Zeitung "The Guardian" berichtete am Samstag von einem System namens R21 (Resistance to Interrogation), wonach Soldaten in ihrer Ausbildung selbst sexuell gedemütigt werden, um im Falle einer eigenen Gefangennahme gegen etwaige Misshandlungen resistent zu sein. Unter Berufung auf einen früheren Offizier einer britischen Spezialeinheit heißt es in der Zeitung, die speziellen Techniken seien offenbar planlos und ohne Wissen um die Konsequenzen bei irakischen Gefangenen angewandt worden.

Zu den Praktiken gehören demnach neben dem Zwang, lange Zeit nackt zu bleiben, auch das Überstülpen von Hüten, Schlafraub sowie das Vorenthalten von Wärme, Wasser und Nahrung. Das britische Verteidigungsministerium nahm bisher keine Stellung zu dem Bericht.

Militärpolizei mit "aktiver Rolle"

US-Kommandeur Geoffrey Miller machte in Bagdad die inzwischen ausgewechselte Gefängnisleitung für die Folter mitverantwortlich. Soldaten und ihre Vorgesetzten hätten sich nicht an die Anweisungen gehalten. Zugleich verteidigte Miller seine Anordnung vom September an die Verantwortlichen in Abu Ghraib, dass die Militärpolizei bei der Informationsbeschaffung von Häftlingen "passiv einbezogen" werden sollte. Ein Bericht der Streitkräfte über die Misshandlungen in dem Bagdader Gefängnis kam zu dem Ergebnis, dass die Militärpolizisten eine "aktive Rolle bei der Schaffung der Verhörumstände" spielten. Dies habe möglicherweise zu den Misshandlungen geführt.

Die Soldaten hatten kaum Kenntnisse zur Beaufsichtigung von Gefangenen oder von deren Rechten. Einige wenige Soldaten, die in den USA schon in zivilen Gefängnissen gearbeitet hatten, leiteten die anderen an. Immer wieder kam es zu Meutereien und zu Schüssen auf Häftlinge. Mangelnde Disziplin wurde für zahlreiche Ausbruchsversuche verantwortlich gemacht. Auch wurde das Gefängnis von Aufständischen angegriffen, wobei vor allem Gefangene ums Leben kamen.

"Die Moral hat gelitten"

Eigentlich rechnete die 800. Brigade der Militärpolizei nach der Einnahme von Bagdad im vergangenen Jahr fest damit, bald wieder nach Hause zu kommen. Stattdessen aber erhielt sie den Auftrag, die gesamte Betreuung der irakischen Gefangenen zu übernehmen, mit zwölf Lagern und Gefängnissen im ganzen Land. "Die Moral hat gelitten", heißt es dazu im Taguba-Bericht. Und in den Monaten danach sei nichts dagegen unternommen worden.

Als "äußerst unwirksam" kennzeichnet der Bericht den Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Jerry Phillabaum. Karpinski schickte ihn einmal für zwei Wochen zur Erholung nach Kuwait und ersetzte ihn solange durch einen anderen Oberstleutnant. Ihre Vorgesetzten unterrichtete sie aber nicht davon. "So etwas ist in meiner Militärkarriere ohne Beispiel", schrieb Taguba.

Golfkriegsveteranin Karpinski, im Zivilberuf Unternehmensberaterin, übernahm die Brigade im Juni vergangenen Jahres. Inzwischen wie die meisten Angehörigen der 800. Brigade wieder in den USA, kritisierte die Offizierin, dass sie "wenig oder keine Unterstützung" von der Besatzungsverwaltung erhalten habe. Sie beschwert sich in einer E-Mail, dass sie jetzt als Sündenbock herhalten solle und meint: "Der Taguba-Bericht ist in vieler Hinsicht fehlerhaft."

Bush verspricht volle Aufklärung

US-Präsident George W. Bush versprach die volle Aufklärung aller Fälle von Gefangenenmisshandlungen. "Wir werden alle Fakten und das ganze Ausmaß der Vergehen ermitteln", sagte er in seiner wöchentlichen Rundfunkansprache. "Die Beteiligten werden festgestellt, sie werden für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen."

Wie zuvor Bush, der sich direkt an die arabische Welt gerichtet hatte, entschuldigte sich am Freitag auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei den misshandelten irakischen Gefangenen. Er stellte ihnen eine Entschädigung in Aussicht. Rumsfeld übernahm die politische Verantwortung für den Skandal, Rücktrittsforderungen wies er aber kategorisch zurück. Der Minister räumte ein, dass die Veröffentlichung noch erniedrigender und grausamerer Fotos und Videos die Lage noch schlimmer machen könnte.

US-Soldatin angeklagt

Die US-Streitkräfte erhoben unterdessen wegen der Misshandlungen Anklage gegen die 21-jährige Soldatin Lynndie England. Die Frau war auf Bildern zu sehen, wie sie lachend auf nackte Gefangene zeigte. Gegen sie wurde nun Anklage in vier Punkten erhoben, wie das XVIII. Luftlandekorps in Fort Bragg in North Carolina am Freitag mitteilte. Gegen sechs Soldaten wurde bereits Anklage erhoben, sieben erhielten einen Verweis.

Jim Krane/AP / AP / DPA