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FRANKREICH: Chemiefabrik-Explosion: Zahl der Toten steigt

Eine schwere Chemie-Explosion mit mindestens 15 Toten und 240 Verletzten hat Panik im südfranzösischen Toulouse ausgelöst. Bisher wird von einem Unfall ausgegangen.

Zehn Tage nach den verheerenden Terroranschlägen in den USA hat eine schwere Chemie-Explosion mit mindestens 15 Toten und 240 Verletzten Panik im südfranzösischen Toulouse ausgelöst. Um 10.15 Uhr erschütterte eine Detonation Vororte der Stadt, das Zentrum der französischen Luft- und Raumfahrt. Die Druckwelle zerschmetterte noch Kilometer entfernt Scheiben und Fenster. Die Polizei löste höchste Alarmstufe aus. Während viele noch an einen Terroranschlag dachten, gab die Präfektur rasch Entwarnung. Bei der Explosion habe es sich wahrscheinlich um einen Unfall in der Chemie-Fabrik gehandelt. Von der riesigen Fabrik im Süden von Toulouse blieb nur ein Trümmerfeld.

»Jetzt passiert es also hier«

»Man hat einen lauten Knall gehört, die Schaufensterscheiben zerbarsten, die Leute sind in alle Richtung auseinander gelaufen«, schilderte eine Augenzeugin die allererste Reaktion der Menschen in Toulouse. »Wir haben doch alle noch die Attentate im Kopf«, sagte eine 35-jährige Einwohnerin zu den Schrecksekunden. »Ich jedenfalls habe sofort an die Anschläge in Manhattan und Washington gedacht und zu mir gesagt, jetzt ist es soweit, jetzt passiert es also hier.«

Schärfste Sicherheitsmaßnahmen

Polizei und Feuerwehr griffen unmittelbar nach der Explosion zu schärfsten Sicherheitsmaßnahmen, von denen die ersten am Nachmittag wieder aufgehoben werden konnten. Der Flughafen nahe der Stadt wurde für Stunden geschlossen und zahlreiche Flüge umgeleitet. Öffentliche Gebäude, Schulen, ein Krankenhaus sowie Kaufhäuser wurden evakuiert. Die Bevölkerung war dringend aufgerufen, in ihren Häusern zu bleiben und als Vorsichtsmaßnahme kein Wasser aus den Leitungen zu trinken.

Die größten Zufahrtsstraßen nach Toulouse waren ebenso zeitweise abgeriegelt wie die Metro-Eingänge. Tausende von Menschen versuchten, in Panik mit ihren Autos die Stadt zu verlassen. Das Telefonnetz im Großraum Toulouse mit seinen 650.000 Einwohnern brach zusammen, und die Stadtverwaltung rief Psychiater und Psychologen auf, sich um die Betreuung von Angehörigen der Opfer und besorgten Bürgern zu kümmern.

»Entsetzliche Eindrücke«

Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Regierungschef Lionel Jospin eilten sofort nach Toulouse. Chirac forderte die Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren und die Sicherheitsanforderungen strikt zu befolgen. Jospin kündigte eine genaue Untersuchung der Ursachen an. Der Bürgermeister von Toulouse, Philippe Douste-Blazy, sprach von entsetzlichen Eindrücken. »Jeder dachte, dass es bei ihm passiert ist. Wir nahmen zunächst an, dass Rathaus sei betroffen.«

Wolke aus Feuer und Rauch

Die Explosion legte zwei große Gebäude der Chemiefabrik am Südrand von Toulouse in Schutt und Asche und erschütterte eine nahe gelegene Fabrik, in der Treibstoff für die europäische Trägerrakete Ariane hergestellt wird. »Ich fühlte wie die Erde bebte, und dann sah ich eine riesige Wolke aus Feuer und Rauch«, so beschrieb ein Arbeiter, der die Ereignisse aus einem Kilometer Entfernung gesehen hatte.

»Erste Messungen über der zerstörten Anlage ergaben keine Spur von Gift in der Luft«, erklärte Präfekt Hubert Fournier. Die Fabrik, die hauptsächlich Düngemittel herstellt, gehört zu den 400 französischen Industrieanlagen, die auf der so genannten Seveso-Liste stehen, weil sie bei Unfällen ein erhöhtes Risiko für die Umwelt darstellen. Diese Aufstellung ist nach dem italienischen Ort Seveso benannt, in dem sich 1976 ein katastrophales Dioxin-Unglück ereignete. Die Regierung hat eine Kontrolle aller Anlagen dieser Risiko-Stufe angekündigt.

Alarmierende Zeugenaussagen über mangelnde Sicherheit, die zuerst auf das Chemie-Unternehmen bezogen schienen, galten der benachbarten Sprengstoff-Fabrik. Die Explosion entsprach nach den Messungen der Straßburger Erdbebenwarte einer Stärke von 3,4 auf der Richter- Skala.

Birthe Blechschmidt und Hanns-Jochen Kaffsack, dpa