Freedom Towers Alice im Wunderland am Ground Zero


Es war großes Kino. Mit Fanfaren und Festansprachen enthüllten sie am Nationalfeiertag 2004 einen 20 Tonnen schweren grünen Granit am Boden des Ground Zero. Doch außer Streitigkeiten und Träumereien ist seitdem wenig passiert.
Von Matthias B. Krause

Damals rief der Gouverneur des Bundsstaates New York, George Pataki feierlich: "Heute legen wir, die Erben des revolutionären Widerstandsgeistes, diesen Grundstein und zeigen der Welt unmissverständlich die ungebrochene Kraft dieser Nation und unsere Entschlossenheit, für Freiheit zu kämpfen." Kleiner hatte er es nicht, schließlich dachte der Republikaner damals noch daran, sich für das Weiße Haus zu bewerben. Heute ist Pataki im politischen Ruhestand – und der Grundstein des Freedom Towers steht im Städtchen Hauppauge auf Long Island unter einer Plexiglashaube, Besichtigung nur nach Voranmeldung.

Turmbau zu Babel

Das Gebäude selbst aber, das die am 9. September 2001 gefallenen Zwillingstürme des World Trade Centers ersetzen soll, ist weiterhin ein Rudiment. Seine prognostizierte Fertigstellung verzögert sich um Jahre, die Kosten schnellen nach oben. So sehr, dass der neue Gouverneur New Yorks, David Paterson sich Zeit bis September erbeten hat, um eine einigermaßen zuverlässige Prognose zu erstellen. Der Geschäftsführer der Hafenverwaltung von New York und New Jersey, die bei dem Projekt die Federführung hat, fand in einem Anfang der abgelaufenen Woche vorgestellten Gutachten erstaunlich deutliche Worte. Es sei an der Zeit, schrieb Christopher Ward, "das komplexe Projekt so anzulegen, das es sich mit realistischen Budget- und Zeitplan-Erwartungen vereinbaren lässt." Das sei bislang nie wirklich geschehen.

Stattdessen war der politische Wunsch, möglichst schnell ein möglichst starkes Symbol zu setzen, Vater des Gedanken. Doch der ursprünglich von Daniel Libeskind entworfene Turm ist nur ein Teil in dem komplizierten Puzzle zum Wiederaufbau des World Trade Centers. Insgesamt sollen fünf Wolkenkratzer entstehen, eine Gedenkstätte, ein Museum, ein Regionalbahnhof, eine neue U-Bahnlinie, ein Kulturinstitut, Parkplätze, Sicherheitszonen und Geschäftszeilen. Alles hängt mit allem zusammen, und jedes Vorhaben für sich genommen würde in den meisten anderen Städten der Welt als beispielloses Großprojekt durchgehen. 19 öffentliche Verwaltungen reden mit, 33 Designer, 101 Bauunternehmen und ungezählte Horden von Geschäftsleuten, Nachbarschaftsvertretungen und Betroffenen-Organisationen der Anschlagsopfer. Im Vergleich muss der Turmbau zu Babel ein Spaziergang im Park gewesen sein.

Ursprünglich sollte der Freedom Tower 2006 fertig werden, dann 2011, nun sprechen die jüngsten Prognosen von 2013. Schon jetzt lässt sich sagen, dass der bereits mehrfach aufgestockte Etat von 15 Milliarden Dollar um mehrere Milliarden überschritten wird. Dazu kommt der Kompetenzwirrwarr. Die Fläche, auf dem die Zwillingstürme standen, gehört der Hafenverwaltung, in der neben den beiden Bundesstaaten New York und New Jersey auch die Stadt New York das Sagen hat. Sie muss sich mit Immobilienmagnat Larry Silverstein auseinander setzten, der kurz vor dem Anschlag einen 99 Jahre laufenden Mietvertrag für das World Trade Center unterschrieben hatte. Die mehr als drei Milliarden Dollar, die er von den Versicherungen als Entschädigung erhielt, spielen eine zentrale Rolle bei der Finanzierung des Projekts.

Kritiker sehen Ähnlichkeiten zu einem Bunker

So setzte Silverstein etwa durch, dass sein Architekt Chris Childs Libeskinds Pläne von Grund auf überarbeitete, zulasten der Kunst, zugunsten des Kommerz. Kaum war er damit fertig, meldete die New Yorker Polizei Sicherheitsbedenken an, das Projekt musste wieder zurück ans Reißbrett. Der jetzige Entwurf ist stark umstritten, weil er nach Ansicht der Architektur-Kritiker eher einem Bunker ähnelt als einem Symbol der freuen Welt. Die Hafenverwaltung hat Silverstein mittlerweile unter Verwendung von Daumenschrauben die Verantwortung für die Freedom Tower entzogen, trotzdem hakt es weiter an allen Ecken und Enden. Geschäftsführer Ward kommt in seinem Gutachten zu dem Schluss, es gebe immer noch 15 Grundsatzentscheidungen, die offen seien. Gleichzeitig verspricht er: "Die Frage ist nicht, ob alle Projekte gebaut werden, sondern wann und für wie viel."

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, bekannt als präziser, effektiver und höchst ungeduldiger Manager, gibt sich ob des Chaos erstaunlich gelassen. Es sei bei solchen Vorhaben nun einmal sehr schwierig, Kosten und Fertigstellungstermine vorauszusagen. New Yorks demokratischer Senator Charles Schumer findet deutlichere Worte für das, was bislang geschah: "Das waren sieben Jahre Alice im Wunderland." Selbst wenn nun die Realität einsetzt, wird es eine ganze Weile dauern, ehe der grüne Granit wieder auf den Tieflader gehievt und zurück an den Ort seiner Bestimmung gebracht werden kann. Vermutlich muss man sogar von Glück sprechen, wenn sie ihn am Ende in dem kleinen Ort auf Long Island nicht einfach vergessen.


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