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Gaza-Streifen: Knieschuss für Verräter

Den Terror des Krieges haben die Menschen in Gaza hinter sich. Jetzt leiden sie unter dem Terror der Hamas. Sie beschimpft Mitglieder der verfeindeten Fatah als Kollaborateure Israels und hat eine brutale Jagd auf sie eröffnet.

von Silke Mertins (Ramallah)

Abu Adnan, sprich lauter, wir hören dich schlecht!", schreit Abu Ali Schahin. Der ehemalige Minister der Palästinensischen Autonomiebehörde hat sein Handy auf Lautsprecher gestellt, damit auch seine Freunde, die sich in seiner Wohnung in Ramallah im Westjordanland versammelt haben, mithören können.

Abu Adnan, ein junger Fatah-Mann aus dem Gazastreifen, beginnt stockend zu erzählen: "Die Hamas-Milizen klopften bei uns zu Hause an die Tür und fragten nach mir. Dann haben sie mir befohlen, mich zur Wand hin zu drehen. Sie schossen von hinten auf meine Knie. Sechs Kugeln habe ich in den Beinen." Die Nachbarn haben ihn später versteckt. Ins Krankenhaus traut er sich nicht. Ohnehin würden dort keine verletzten Fatah-Männer behandelt, sagt er. Zwölf Stunden wartet er schon darauf, dass ein Arzt es wagt, sich zu ihm zu schleichen und ihn zu behandeln.

Schahin versucht, ihn zu trösten. Aber viel kann der schmächtige Mann mit dem schlohweißen Bart nicht tun für den Jungen aus Gaza. Schahin hat den Gaza-Krieg in Ramallah vor dem Fernseher erlebt. Seitdem die Hamas vor eineinhalb Jahren in Gaza gewaltsam die Macht an sich gerissen hat, kann er wie viele hochrangige Fatah-Männer nicht nach Hause zurückkehren. Hilflos und mit wachsendem Entsetzen verfolgt er über Telefongespräche, wie die Hamas blutige Rache nimmt an den verbliebenen Fatah-Leuten.

Die Hamas wirft den Mitgliedern des rivalisierenden Lagers vor, sie hätten während des Krieges für Israels Militärs spioniert und deren Angriffe gelenkt. In den Augen der Fatah aber nutzt die Hamas die Gunst der Stunde, um sich all derer zu entledigen, die ihrer Macht gefährlich werden könnten. "In Gaza findet das Massaker statt, das wir erwartet haben", sagt der Fatah-Parlamentarier Ala Jaghi, auch er ist ein Flüchtling aus Gaza. Die offizielle Anschuldigung der Hamas-Führung, die Fatah sei verantwortlich dafür, dass die Israelis in einem gezielten Angriff Hamas-Innenminister Said Sijam getötet habe, sei für die Milizen "wie ein direkter Befehl, Fatah-Mitglieder umzubringen".

Wieder klingelt das Handy. Dieses Mal berichtet ein Fatah-Mann aus Gaza, welche Zahlen man zusammengetragen hat, seit der Krieg zwischen Israel und der Hamas am vergangenen Sonntag mit einem Waffenstillstand endete: Die Extremistenorganisation habe 18 Exekutionen durchgeführt, mindestens 300 Männer verhaftet. 47 Menschen sei ins Knie oder Bein geschossen worden - grausames Markenzeichen der Hamas im Umgang mit Rivalen. Dutzenden seien Gliedmaßen mit der Axt amputiert worden, einigen seien die Augen ausgestochen worden. Ein Kinderkrankenhaus und eine Augenklinik würden die Hamas-Sicherheitskräfte als "Verhörzentren" nutzen.

Schahin hat viele solcher Geschichten gehört und verzieht keine Miene. Erst später, auf die Frage, wie es kommt, dass Palästinenser einander so etwas antun, verliert er die Fassung. Der 68-Jährige wischt sich die Tränen aus den Augen und schüttelt den Kopf. "Ich habe mein Leben gegeben für unseren Befreiungskampf", sagt er schließlich. Schon als junger Mann habe er sich der Fatah angeschlossen. Doch wofür, fragt er sich nun. "Damit wir einen Staat für solche Menschen schaffen?"

Angefangen hat das, was wie eine neue Runde im palästinensischen Bruderkampf aussieht, schon während des Krieges. Hunderte Fatah-Mitglieder wurden unter Hausarrest gestellt. Die vorhandenen Hilfsgüter habe die Hamas nur an die eigenen Leute verteilt. In ägyptische Krankenhäuser seien fast nur Verletzte mit Verbindungen zur Hamas überwiesen worden.

Auch Exekutionen gab es während des Kriegs. Jaghi ruft einen Verwandten an, dessen Bruder Nasser Mohammed Mohany im Gefängnis saß. Angeblich hatte der Richter Widerstand gegen die Hamas organisiert. Als die Israelis das Gebäude bombardierten, sollten alle Häftlinge freigelassen werden. Doch seine Familie fand den Vater von sechs kleinen Kindern im Leichenschauhaus wieder. "Er hatte eine Kugel in der Stirn und eine im Auge", klagt der Bruder. "Aber wie soll er im Gefängnis Kollaborateur gewesen sein?"

Mit jedem Schuss und jeder Exekution wird die Kluft zwischen der Fatah und der Hamas tiefer und die Versöhnung schwieriger. Ein Friedensprozess mit Israel scheint angesichts der Spaltung nahezu aussichtslos. An eine Rückkehr nach Gaza glaubt auch Jaghi vorerst nicht. Die geschwächte und entwaffnete Fatah könne nichts ausrichten gegen die eiserne Faust, mit der die Hamas-Extremisten Gaza kontrollieren. Der Krieg habe daran nichts geändert. "Militärisch wurde die Hamas geschlagen", sagt Jaghi frustriert. "Aber politisch sind wir die Verlierer."

FTD