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Gazastreifen: Die Wut, die Angst, der Tod

Die Hamas hat den Gazastreifen erobert und viele Menschen grausam hingerichtet. Nun herrscht an einigen Orten beklemmende Stille. Für stern.de beschreibt die Studentin Sahar*, 24, den albtraumhaften Alltag in Beit Hanoun im nördlichen Gazastreifen.

"Die Unsicherheit ist das Schlimmste. Seit Dienstag ist meine Familie zusammen, niemand hat seitdem das Haus verlassen. Wir leben im Norden des Gazastreifens, in Ort Beit Hanoun, hinter unserem Haus haben wir einen Garten mit Orangenbäumen, vom Verkauf der Früchte leben wir. Mein ältester Bruder ist da, meine Schwester Imam, mein jüngster Bruder Amir. Und natürlich meine Eltern, sie sind beide schockiert, die Hände meiner Mutter zittern, mein Vater spricht kaum. Wir wissen noch nicht einmal, worauf wir warten, wir sitzen einfach nur auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers und verfolgen die Nachrichten auf CNN, Al-Dschasira und Al-Aksa-TV, dem Fernsehsender der Hamas. Wir sehen die Bilder von Leichen in den Straßen, von Leuten mit Bauchschüssen, manche davon sind Bekannte oder sogar Freunde von uns. Und gleichzeitig sagen sie auf Al-Aksa-TV, alles wäre wieder normal, die Hamas würde jetzt eine neue Einheitsregierung mit der Fatah bilden. Aber wie sollen Fatah und Hamas jemals wieder zusammen regieren? Nicht ist hier normal, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es das bald wieder ist. Es ist einfach zuviel Grauenvolles passiert.

Ich kenne einige der ermordeten Führer der Fatah persönlich, weil ich mich lange selber bei ihrer Jugendorganisation engagiert habe. Ich bin Anhängerin der Fatah, in meinem Schlafzimmer hängen noch immer Bilder von Jassir Arafat. Unter ihm hatten wir noch Hoffnung. Und jetzt? Für die Hamas habe ich nur Verachtung übrig, sie machen uns das Leben zur Hölle und verwandeln Gaza in ein Gefängnis.

Freunde haben mir in den letzten Tagen viele grauenvolle Erlebnisse geschildert. Einige haben zusehen müssen, wie die Hamas-Kämpfer Menschen geköpft oder im Krankenhaus in ihren Betten erschossen haben - sie selber konnten gerade noch flüchten. Wir bekommen immer nur Bruchstücke der Geschehnisse mit, niemand weiß im Moment genau, was passiert. Die Hamas hindert Journalisten an einer Berichterstattung, sie lassen nur zensierte Bilder zu. Aber Tatsache ist, dass sie auch jetzt noch von Haus zu Haus gehen und gezielt nach Fatah-Führern suchen. Die Hamas hat im ganzen Gazastreifen Kontrollposten errichtet, niemand kann sich einfach so ungehindert bewegen. Mein ältester Bruder war bei den Sicherheitskräften der Fatah angestellt, zum Glück konnte er rechtzeitig seinen Posten verlassen und sich bei uns zuhause in Sicherheit bringen. Alle seine Freunde, die flüchten konnten, haben so wie er ihre Uniformen abgelegt und versteckt. Jeder hat Angst, dass die Hamas nun auf Rache sinnt.

Niemand geht vor die Tür

Wir trauen uns im Moment nicht aus dem Haus, aber spätestens morgen, vielleicht übermorgen werden wir es wohl müssen. Noch haben wir zwar genug zu essen, Bohnen, Öl, Gurken und Käse, aber unser Kühlschrank wird immer leerer. Wir können es uns nicht leisten, viele Lebensmittel auf Vorrat einzukaufen. Aber selbst wenn jetzt einer von uns das Haus verlassen würde, könnte er wohl nichts einkaufen. Alle Läden haben im Moment geschlossen und wir können nur hoffen, dass sie bald wieder öffnen.

Im Moment sind alle Grenzübergänge geschlossen, niemand mehr kommt mehr von Gaza nach Israel oder Ägypten. Wir sind vollkommen von der Welt abgeriegelt. Auf der palästinensischen Seite der Grenze sind die Polizisten geflohen, es ist einfach niemand mehr da, der die Ausweispapiere kontrollieren könnte. Niemand gelangt mehr nach Israel, um dort zu arbeiten, keine Journalisten, Ärzte oder Helfer können von dort zu uns kommen. Ich habe gehört, dass sich vor dem Grenzübergang nach Ägypten lange Schlangen gebildet haben, die Menschen warten darauf, dass er endlich wieder öffnet und sie Gaza verlassen können. Niemand weiß im Moment, was passiert, wenn die Grenzen weiter geschlossen bleiben. Werden wir dann in Gaza bald hungern, weil keine Lebensmittel hereinkommen? Wird es in den Krankenhäusern noch Medizin geben, und werden wir künftig noch Wasser und Strom haben, wenn alle Ministerien und Behörden geschlossen bleiben? Im Moment herrscht hier das Chaos, und dass am nächsten Montag alle ihrer normalen Arbeit nachgehen als wäre nichts geschehen, ist unwahrscheinlich.

Verschleierte Studentinnen

Die Hamas sagt zwar, es sei wieder sicher auf den Straßen und wir könnten rausgehen. Aber niemand hier traut dem Frieden, niemand verlässt das Haus, die Straßen sind leer. Das Schießen hat aufgehört, es ist still. Vielleicht zu still, es macht mir Angst. Nur die Hamas und einige ihrer Anhänger sind auf der Straße, sie feiern ihren Sieg, ich höre sie auf der Straße vor unserem Haus jubeln.

Selbst wenn die Straßen wieder sicher sind, weiß ich gar nicht, wo ich hingehen soll. Meine Universität, die Al-Azhar in Gaza-Stadt, ist geschlossen, und niemand weiß im Moment, ob sie jemals wieder eröffnet wird. Denn meine Universität gehört zur Fatah - viele unserer Professoren sind Fatah-Anhänger. Wer weiß, ob sie weiterbezahlt werden, oder ob sie durch Leute von der Hamas ersetzt werden. Gleich neben dem Gebäude meiner Hochschule liegt die Islamische Universität. Die Studentinnen dort tragen bodenlange, schwarze Gewänder, manche haben sogar einen Schleier vor dem Gesicht. Es gibt unterschiedliche Eingänge für Männer und Frauen, sie studieren in getrennten Seminaren, essen getrennt, besuchen zu unterschiedlichen Zeiten die Bibliothek. So möchte ich nicht studieren!

Heirat auf dem Boot

Eigentlich müsste ich jetzt gerade in der Universität sein und meine Abschlussprüfungen in Englischer Literatur und Sprache machen, aber alle Termine wurden abgesagt. Noch vor zwei Wochen habe ich mit meinem Freund Pläne geschmiedet, wir haben uns gerade verlobt und wollen gerne im Herbst heiraten, danach vielleicht Flitterwochen in Ägypten machen. Ich träume davon, für die Feier ein Schiff im Hafen von Gaza-Stadt zu mieten, nur für ein paar Stunden, dort würde es Essen geben und Musik, wir würden tanzen und Spaß haben. Das wird jetzt alles nicht möglich sein. Weder ich noch mein Freund können das Geld für die Hochzeit verdienen - und ohne Uni-Abschluss werde ich auch keinen Job finden. Es ist so schon hart genug, in Gaza Arbeit zu finden. Mein Bruder Mohammad ist in Algerien, er hat dort Ingenieurwissenschaften studiert, jetzt hat er gerade seinen Abschluss gemacht. Aber meine Familie hat nicht genug Geld, um seine Rückreise nach Gaza zu bezahlen. Und in Algerien darf er nicht arbeiten. Es ist zum Verzweifeln. Wir studieren, lernen, machen einen Abschluss - aber was sollen wir danach machen? Hier in Gaza gibt es keine Zukunft für meine Generation.

Kein Schlaf - vor Wut

Ich bin so wütend, so verzweifelt, ich kann nachts kaum schlafen. Vor anderthalb Wochen wurde mir der Blinddarm entfernt, vor ein paar Tagen ist die Narbe wieder aufgegangen, vermutlich wegen dem vielen Stress. Am Dienstag dieser Woche bin ich dann wieder ins Krankenhaus bei uns in Beit Hanoun gegangen. Aber dort war niemand mehr, alle waren geflüchtet, weil die Hamas-Kämpfer dort ihr Quartier aufgeschlagen hat. In einem privaten Krankenhaus in Beit Lahia habe ich dann endlich einen Arzt gefunden, der mich behandeln konnte. Die Situation in den Krankenhäusern ist furchtbar, es gibt viele Verwundete. Aber selbst die Schwerverletzten dürfen Gaza nicht mehr verlassen, früher wurden manchmal einige von ihnen in Israel behandelt, das geht jetzt nicht mehr.

Es fällt mir schwer, die Geschehnisse in Worte zu fassen. Niemand kann glauben, was hier gerade passiert. Es gab oft Krisen, und das Leben in Gaza war niemals leicht; die Israelis haben manchmal wochenlang Beit Hanoun besetzt, beim letzten Mal stand ihr Panzer direkt vor unserem Haus. Aber jetzt ist es anders, jetzt sind es unsere eigenen Leute, die sich gegenseitig umbringen und die Zivilbevölkerung terrorisieren. Und niemand weiß, womit dieser Krieg enden soll. Ich denke mir jeden Tag, dass das alles nur ein Albtraum ist, aus dem ich bald aufwachen werde."

*Name von der Redaktion geändert

Protokoll: Juliane von Mittelstaedt