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Gegen Entlassungen Streik bei israelischer Zeitung "Haaretz"


Arbeitskampf bei "Haaretz": Angeblich wollen die Eigentümer jeden vierten Mitarbeiter entlassen. Die Traditionszeitung ist Israels einziges großes Blatt, das die Siedlungspolitik kritisiert.

Die Belegschaft der israelischen Zeitung #link;www.haaretz.com;"Haaretz"# ist aus Protest gegen geplante Entlassungen in den Streik getreten. Die hebräische Printausgabe des 1918 gegründeten linksliberalen Traditionsblattes erschien am Donnerstag nicht. Nach Medienberichten sollen etwa 100 von rund 400 "Haaretz"-Mitarbeitern schrittweise entlassen werden. Die Kölner Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg ist mit 20 Prozent an der "Haaretz"-Gruppe beteiligt. Der Zeitungsmarkt in Israel ist durch das Internet und zuletzt auch durch das Gratisblatt "Israel Hajom" wirtschaftlich unter Druck geraten.

Die auf Englisch und Hebräisch erscheinende "Haaretz" (Das Land), die auch online erscheint, gilt als regierungskritisches Qualitätsblatt. Ihre Auflage beträgt knapp unter 100 000 und liegt damit weiter unter den Auflagen von "Israel Hajom" oder "Jediot Achronot". Ihr Einfluss wird aber als hoch eingeschätzt, weil ihre Leser überdurchschnittlich wohlhabend und gebildet sind. Es ist auch die einzige größere israelische Zeitung, die der Siedlungspolitik im palästinensischen Westjordanland kritisch gegenübersteht.

Zweiter Mitarbeiterstreik bei einer israelischen Zeitung

"Haaretz" ist bereits die zweite israelische Zeitung binnen weniger Wochen, die von einem Arbeitskampf gegen befürchtete Entlassungen betroffen ist. Vor knapp zwei Wochen traten die Mitarbeiter der 1948 gegründeten Zeitung "Maariv" in den Ausstand. Dort wurde die Entlassung von 1700 der insgesamt 2000 Mitarbeiter befürchtet, nachdem "Maariv" verkauft worden war.

Uri Toval, ein Vertreter der "Haaretz"-Belegschaft, sagte dem israelischen Rundfunk: "Wir befinden uns die ganze Zeit im Gespräch mit der Leitung, machen Vorschläge, aber die Leitung besteht auf ihrem Standpunkt." Er warf der Geschäftsführung vor, sie ziehe es vor, dem Blatt zu schaden, als der Belegschaft entgegenzukommen: "Alle machen sich große Sorgen."

Konkurrenz durch regierungsfreundliche Gratis-Zeitung

Herausgeber Amos Schocken teilte mit, angesichts des wirtschaftlichen Drucks auf das Zeitungsgeschäft sei es unumgänglich, sich von Mitarbeitern zu trennen. "Es ist bedauerlich, dass die Gewerkschaft nicht versteht, dass etwas im Nachrichtengeschäft passiert, das uns zwingt, die Ausgaben der Geschäftsrealität anzupassen", sagte Schocken nach Angaben seiner Zeitung. Sein Großvater Salman Schocken hatte in Deutschland eine Kaufhauskette betrieben und vor den Nazis fliehen müssen.

Der Zeitungsmarkt in Israel ist wie in vielen anderen Ländern weltweit durch das Internet unter Druck geraten. Die 2007 gegründete Gratis-Zeitung "Israel Hajom" des US-Milliardärs und Freundes von Regierungschef Benjamin Netanjahu, Sheldon Adelson, hat die Lage weiter verschärft. Das regierungsfreundliche kostenlose Blatt ist inzwischen meistgelesene Zeitung und hat einen großen Anteil am Anzeigenmarkt erobert, der anderen Zeitungen seither fehlt.

nw/DPA DPA

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