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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären Worum ging es bei der Geiselnahme in Istanbul?


Ein Linksextremer nimmt in Istanbul einen Staatsanwalt als Geisel und tötet ihn. Sein Motiv: Gerechtigkeit für einen getöteten Jungen. Doch der Täter erweist seinem Ansinnen einen Bärendienst.
Von Raphael Geiger

Es ist die Frage, die viele Türken bewegt: Leben Sie schon in einem autoritären Land, regiert allein von Staatspräsident Tayyip Erdogan und seinen Anhängern? Oder gibt es noch einigermaßen freie Wahlen, darf man seine Meinung sagen, ist die Justiz noch unabhängig?

Deshalb verfolgen die Türken genau, ob der Tod des Teenagers Berkin Elvan Folgen haben wird. Berkin war 15 Jahre alt, während der Gezi-Proteste im Juni 2013 war er in seinem Viertel in Istanbul auf der Straße - nicht auf einer Demonstration, er wollte bloß Brot holen. Dabei traf ihn ein Tränengasgeschoss der Polizei. Berkin kam ins Krankenhaus und lag monatelang im Koma, im März 2014 starb er.

Der Teenager - ein Terrorist?

Er sei ein "Terrorist" gewesen, sagte Erdogan, damals noch Premierminister. Die Eltern des Jungen gehören zur Minderheit der Aleviten, einer liberalen, muslimischen Minderheit, und richteten eine Petition ans Innenministerium, sie verlangten Schmerzensgeld. Und: einen Prozess gegen die Polizisten, die ihren Sohn getötet haben.

Die Polizisten waren auch das Ziel der Linksextremen, die am Dienstag in Istanbul einen Staatsanwalt als Geisel nahmen. Das Opfer war der Staatsanwalt, der für den Fall Berkin Elvan zuständig war. Die Männer gehörten zur marxistisch-leninistischen DHKP-C. Sie hielten dem Ankläger in seinem Büro eine Pistole an die Schläfe, an der Wand hing ein Plakat: "Berkinin katillerini isteyoruz - wir wollen Berkins Killer". Die Beamten, so die Forderung der Geiselnehmer, sollten öffentlich gestehen, dass sie den Tod von Berkin Elvan zu verantworten haben.

Vater wollte nur einen gerechten Prozess

Am Abend stürmte die Istanbuler Polizei dann den Justizpalast und tötete die Geiselnehmer. Die hatten zuvor den Staatsanwalt erschossen. Berkin Elvans Vater hatte noch getwittertet, er hoffe, dass niemandem etwas geschieht. Er wolle nur einen "gerechten Prozess".

Dem Vater geht es wie vielen Türken um ein juristisches Ergebnis, nicht um ein politisches. Die Justiz ihres Landes soll arbeiten, egal ob die Regierung ein Urteil will oder nicht, ob ein Fall politisch aufgeladen ist oder nicht. Es geht um Rechtsstaatlichkeit, zumindest einen Rest davon.

Wer steht noch hinter Erdogan?

Die Geiselnehmer jedoch machen es Erdogan und seiner Partei leichter. Erdogan kann seine Kritiker diffamieren, indem er ihnen Nähe zu den Attentätern unterstellt. In Erdogans Welt ist Kritik an ihm schnell Terrorismus. Ein neues Sicherheitsgesetz, eingebracht von Erdogans Partei, der AKP, wird der Polizei bald mehr Befugnisse geben. Demonstrationen, Massenproteste werden unwahrscheinlicher, die Türken mehr und mehr eingeschüchtert.

Wie viele noch hinter Erdogan stehen, zeigt sich am 7. Juni, dann ist Parlamentswahl. Eine freie Wahl, hoffentlich.


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