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Gezi-Proteste, vier Jahre danach: Erdogan ist allmächtig, das Mädchen mit dem roten Schal ist tot

Türkei, Gezi-Proteste, vor vier Jahren: Ayse Deniz Karacagil, kaum 20, demonstriert gegen die Regierung. Recep Tayyip Erdoğan, türkischer Ministerpräsident, lässt die Demonstration blutig niederschlagen. Er ist heute mächtiger denn je. Sie ist tot.

Demonstranten auf den Straßen von Istanbul, am 4. Jahrestag der Gezi-Proteste

Demonstranten auf den Straßen von Istanbul, am 4. Jahrestag der Gezi-Proteste

Gezi-Park, Taksim-Platz, Istanbul. Im Zentrum der türkischen Großstadt versammeln sich Menschen. Sie wollen demonstrieren. Es geht ums Grün, das im Park bleiben soll, und um Mauern, die hier nicht hin sollen. Der Gezi-Park, einer der letzten Flecken Grünflache in Istanbul, soll, so sehen es die Pläne der AKP-Regierung von damals vor, einem Einkaufszentrum weichen. Die Demonstranten wehren sich dagegen. Am 31. Mai schreitet die Polizei ein – mit Wasserwerfern, Tränengas, roher Gewalt. Die Lage eskaliert, die Proteste weiten sich aufs ganze Land aus – die Türkei wochenlang im Ausnahmezustand. Jetzt geht es nicht mehr "nur" um Natur, es geht um den Regierungsstil von Recep Tayyip Erdogan, damals Ministerpräsident, um Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, die ganz großen Werte. Die Straßenschlachten ziehen sich über Wochen. Blut fließt, Menschen sterben – am Ende sind es mindestens acht. Tausend andere sind verletzt, einige werden vor Gericht gezerrt. Das war im Mai/Juni 2013. Vier Jahre sind seitdem vergangen.

Rotes Halstuch - Staatsanwaltschaft fordert fast 100 Jahre Haft

Ayse Deniz Karacagil wurde als "das Mädchen mit dem roten Schal" bekannt

Ayse Deniz Karacagil wurde als "das Mädchen mit dem roten Schal" bekannt


Eine Frau, die damals ins Visier der Staatsgewalt geriet, war Ayse Deniz Karacagil, gerade 20 Jahre alt. Die Türkin war nach den Protesten in Antalya zunächst in Untersuchungshaft genommen worden. Während viele der Demonstranten mit Haftstrafen von unter zwei Jahren, teils zur Bewährung ausgesetzt, davonkamen, erhob die Staatsanwaltschaft gegen Karacagil schwere Terrorvorwürfe: Die junge Frau hatte während einer Demonstration ein rotes Halstuch getragen. Rot sei die Farbe des Sozialismus, hieß es damals in der Anklageschrift, die der "taz" vorlag, und der Schal somit Beleg für ihre Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation. Darüber hinaus hätte die Frau gegen das Versammlungsgesetz verstoßen und Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet. Die Staatsanwaltschaft forderte bis zu 98 Jahre Haft. "Sie will Malerei studieren und hat gerade die erste Runde der Aufnahmeprüfung zur Universität bestanden", sagte damals Karacagils Vater der "taz". Dass es zu dem Studium der Tochter irgendwann kommt, daran schien der Vater 2014 schon nicht mehr zu glauben: "Bei diesem Staat muss man mit allem rechnen. Und wir rechnen damit, dass Ayse Deniz verurteilt wird."

Karacagil stirbt im Kampf nahe Al-Rakka

Ayse Deniz Karacagil aber ließ es nicht soweit kommen. Sie ergriff die Flucht: Die junge Frau floh in den Irak und schloss sich der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) an. Dann zog sie weiter nach Nordsyrien und kämpfte in den Reihen der Kurden-Miliz YPG, einem Ableger der PKK, gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Jetzt, vier Jahre nachdem alles begann, ist Karacagil tot. Gefallen am Montag, im Kampf gegen den IS, berichten Medien in diesen Tagen, offenbar nahe Al-Rakka, jener Stadt, die als Islamistenhochburg in Syrien gilt. Die MLKP bestätigte ihren Tod und veröffentlichte ein Video der jungen Frau, das sie bewaffnet mit einem Schnellfeuergewehr vor einer roten Flagge mit Hammer und Sichel zeigt. Zerocalcare, ein italienischer Zeichner, der Karacagils Geschichte in seinem Comic "Kobane Calling" erzählt hatte, schrieb in dieser Woche auf Facebook: "Die Türkin […] beschloss, sich der kurdischen Befreiungsbewegung anzuschließen statt den Rest ihres Lebens im Gefängnis oder auf der Flucht zu verbringen." In ihrem Heimatland Türkei schlug der Tod Karacagils laut einem Bericht der römischen Tageszeitung "La Repubblica" hohe Wellen. Dort gelte Karacagil als "Aktivistin", "Terroristin".

Gezi-Proteste: "Nein, es ist nicht vorbei"

In der Türkei ist, vier Jahre nachdem alles begann, Recep Tayyip Erdogan mächtiger denn je. Er ist nicht mehr türkischer Ministerpräsident, seit 2014 ist er Präsident. Zuletzt hat er seine Macht mehr und mehr ausgebaut, mit dem Referendum im April ist sie zementiert. 51,4 Prozent der Türken stimmten damals für das Präsidialsystem. Damit kann Erdogan per Dekret regieren, den Ausnahmezustand beschließen, das Parlament auflösen, Minister entlassen. Das Recherchezentrum "Correctiv" sprach zu Beginn des Jahres mit Gezi-Demonstranten von 2013 und kam zum Schluss: "Die Aktivisten von damals haben ihre Hoffnung verloren." 

Vierter Jahrestag der Gezi-Proteste: Demonstrant mit Blume

Vierter Jahrestag der Gezi-Proteste: Demonstrant mit Blume

Am Jahrestag der Gezi-Proteste am Mittwoch versammelten sich laut "Hürriyet News Daily" hunderte Menschen in Istanbul, in Ankara trugen Oppositionspolitiker Shirts mit der Aufschrift: "Nein, es ist nicht vorbei, der Kampf geht weiter, Gezi ist in seinem vierten Jahr." Es klingt ein wenig wie ein verzweifelter Schrei, hinaus in eine Welt, die jetzt, vier Jahre nachdem alles begann, kaum noch Notiz nimmt.


mit DPA-Material