Großbritannien Der geisteskranke Millionenspender


Seine Frau betrügt ihn nach Strich und Faden und seine Mutter will ihn ertränken. Das glaubte ein geisteskranker britischer Multimillionär. Deshalb hat der mittlerweile verstorbene Branislav "Bane" Kostic sein gesamtes Vermögen der britischen Tory-Partei vermacht. Doch die Millionen entpuppten sich als trügerischer Geldregen.
Von Frank Heinz Diebel, London

Die Umfragewerte der britischen Konservativen schnellten nach ihrer Parteikonferenz Ende September in die Höhe, doch um ihre Finanzen steht es derzeit schlecht. Denn den Tories gingen gerade 8,3 Millionen Pfund (rund 12 Millionen Euro) an Spendengelder durch die Lappen. Der Grund: Der großzügige Spender wurde vom obersten Gerichtshof in Großbritannien für geisteskrank erklärt. Branislav "Bane" Kostic, ein in Belgrad geborener britischer Pharma-Industrieller, hatte den Konservativen sein gesamtes Vermögen in Höhe von 8,3 Millionen Pfund hinterlassen. Das Testament wurde allerdings von der Familie des schwerreichen Immigranten, allen voran Kostics einziger Sohn Zoran, angefochten. Denn ursprünglich sollte er das Geld des Vaters erben: 1974 hatte "Bane" das erste von insgesamt drei Testamenten verfasst, in dem er seinen damals 17-jährigen Sprössling als Haupterben einsetzte.

Kostic verdächtigt Familie

Doch 1983 zeigte Kostic erste Anzeichen einer Geisteskrankheit. Er verdächtigte seine Frau Mirjana zum Beispiel, ihn mit einer Reihe von Liebhabern zu betrügen. Seine Schwester Jovanka, die er später auch als Frau Medici bezeichnete, wollte ihn angeblich vergiften. Und Kostic glaubte, dass seine Mutter Bosiljka ihn gemeinsam mit Sohn Zoran an einem windigen Tag ins schottische St. Andrews locken wollte, um ihn dort im Meer zu ertränken.

Der Verfolgungswahn des Multimillionärs, der fünf Sprachen fließend beherrschte, nahm mit den Jahren bizarre Züge an. Schließlich glaubte Kostic nicht nur, dass seine gesamte Familie es auf ihn abgesehen hatte, sondern auch 93 Bankangestellte, Direktoren der Pharma-Industrie, Rechtsanwälte und Buchhalter, die alle einem internationalen Ring von Kriminellen angehören sollten. Kostic war besessen von dieser Verschwörungstheorie und bat Scotland Yard um Hilfe. Überall sah Bane sich von Feinden umgeben: Schokolade, die ihm seine Familie zu Weihnachten schickte - nachdem er jeden Kontakt mit seiner Verwandtschaft abgebrochen hatte - aß er nicht. Er glaubte, sie sei vergiftet.

Ehefrau wird eingesperrt

Ehegattin Mirjana hatte ihn zu diesem Zeitpunkt schon längst verlassen, weil sie um ihr Leben fürchtete. Kostic hatte sie mehrfach tagelang im gemeinsamen Schlafzimmer eingesperrt, damit sie sich nicht mit ihren angeblichen Liebhabern treffen konnte. Außerdem hatte er weißes Pulver im Haus verstreut und anschließend behauptet, seine Frau sei kokainabhängig. Obwohl Kostic schließlich einen Arzt aufsuchte und eine Paranoia bei ihm diagnostiziert wurde, ließ er sich nicht behandeln - er dachte ja, dass dies nur ein Versuch der Familie war, ihn mundtot zu machen. In den folgenden Jahren war Bane auf der Flucht: Er schlief nur noch in seinem Londoner Büro, in der Krypta einer serbischen Kirche oder in Hotels bis er schließlich ein Haus in West-London kaufte. 1984 wandte sich der Chemiker, der 1975 die britische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, zum ersten Mal an die Tory-Partei: In einem Brief an die "Eiserne Lady", Margaret Thatcher, schrieb er: "Ich glaube, dass jemand (nicht Gaddafi, die IRA, die Palästinenser oder die Mafia, die sind nur Marionetten) vor vielen Jahren eine Art internationale Universität gegründet hat, um dort menschliche Schwäche zu erforschen…ich sende Ihnen einen Scheck über 5000 Pfund, um die bösen Dämonen und Teufel zu bekämpfen und stehe voll zu Ihrer Verfügung." Obwohl es laut einer Parteiregelung nicht gestattet ist, von geisteskranken Spendern Geld anzunehmen, kassierten die Konservativen die 5000 Pfund stillschweigend ein. Auch als Kostic den Tories 13.000 Pfund "im Namen der magischen Zahl 13" schenkte, wurden keine Fragen gestellt. Zwischen 1984 und 2007 spendete der Multimillionär den Konservativen mehr als 88.000 Pfund. Maggie Thatcher hatte es dem Wahl-Briten offensichtlich angetan. Sie war für ihn "die größte Führerin der freien Welt" und er glaubte, dass sie die Welt von "satanischen Monstern und Missgeburten" befreien würde. 1987 schrieb Kostic an den englischen Abgeordneten David Mellor: "Ich muss mein Testament machen…es ist mir wichtig, dass mein Vermögen nicht in die Hände von geistesgestörten Menschen oder satanischen Monstern fällt." Mellor wollte nicht helfen, aber die Tories verwiesen Kostic an die Rechtsanwaltskanzlei Trower & Hamlins. Der Anwalt Anthony Trower nahm sich des verrückten Geschäftsmannes vertrauensvoll an. Im Mai 1989 schickte Kostic Trower einen Scheck über 3000 Pfund und zwei Zeitungsartikel des bekannten britischen Journalisten Bernard Levin. Mr. Levin war laut Kostic eines der "auserwählten Wesen". Trower fand das nicht ungewöhnlich und versicherte dem Multimillionär, dass er die Artikel mit Interesse lesen wolle.

Einige Zeit später trafen sich die Beiden zum Mittagessen in dem edlen Londoner Restaurant Simpson's-in-the-Strand. Anschließend verfügte Kostic in einem neuen Testament, dass sein gesamtes Vermögen nach seinem Tod an die britischen Konservativen gehen sollte. Richter Henderson warf dem inzwischen verstorbenen Rechtsanwalt Trower vor, dass er "weggeschaut" hätte und obwohl er "völlig geistesgestörte" Briefe bekam, Mr. Kostic nicht geraten hätte, sich in ärztliche Behandlung zu begeben.

Kostspielige und peinliche Spende

Für die britischen Konservativen hat diese Gerichtsverhandlung einen peinlichen und kostspieligen Ausgang genommen: Sie verloren nicht nur 8,3 Millionen Pfund Spendengelder, sondern müssen auch noch mehrere 100.000 Pfund Prozesskosten berappen und alle bereits von Kostic erhaltenen Beträge zurückzahlen. Richter Henderson erklärte in seiner Urteilsbegründung, dass Kostic' Liebe zu seinem Sohn zum Zeitpunkt der Abfassung des Testaments bereits so stark von Wahnvorstellungen vergiftet worden war, dass er nicht mehr fähig gewesen sei, sein Hab und Gut so zu verteilen, wie er es bei klarem Verstand getan hätte." Zoran Kostic war sichtlich erleichtert: Ich bin froh, dass dieser Rechtsstreit vorbei ist. Aber ich bin auch enttäuscht, dass die Tories uns keine andere Wahl ließen, als vor Gericht zu gehen und unser Privatleben in der Öffentlichkeit auszubreiten. Eine sehr belastende Angelegenheit." Die Tories erwägen zurzeit, ob sie gegen das Urteil Einspruch erheben wollen.


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