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Großbritannien: Muslime - die neue Unterklasse

Mit Multikulti probierten es die Briten. Anfangs erfolgreich. Jetzt spüren sie schmerzhaft die Grenzen dieses Konzepts.

Mit Multikulti probierten es die Briten. Anfangs erfolgreich. Jetzt spüren sie schmerzhaft die Grenzen dieses Konzepts.

Wie ein riesiges Mahnmal stehen die Manningham Mills auf dem zentralen Hügel der 500 000-Einwohner-Stadt Bradford. Einst war die Spinnerei die größte in Nordengland, die gigantischen Backsteinbauten symbolisierten Wohlstand und Weltoffenheit. Einwanderer aus dem Grenzgebiet zwischen Pakistan und Indien, aus Bangladesch und der Karibik fanden hier Arbeit. Sie zogen in Siedlungen, wo der Weg zur Arbeit kurz, die Mieten niedrig waren. Heute gehören rund 100 000 Einwohner der Stadt zu den so genannten sichtbaren ethnischen Minderheiten, mehr als 80 000 sind Muslime aus Pakistan und Bangladesch.

Bradfords Multikulti-Image verfällt

"Bradford war Paradebeispiel für eine multikulturelle Stadt", sagt Police Officer Martin Baines, zuständig für Rassenbeziehungen. Hier konnte anscheinend jeder sein, konnte aussehen wie und glauben, was er wollte. Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten Schülerinnen mit Kopftuch. Streifenpolizisten tragen Turbane, wenn sie Sikhs sind, und seit kurzem Kopftücher mit Karo-Rand, wenn sie Muslimas sind. 1984 führten Schulen geschächtetes Fleisch ein, 1985 wurde der erste pakistanische Bürgermeister gewählt. Die Stadt hat zahlreiche muslimische Schulen, etwa 100 Tempel und Moscheen. Eine der größten steht vor den Manningham Mills. Doch wie die Fabrik auf dem Hügel verfällt Bradfords Image als friedliche, multikulturelle Stadt. Seit 1989 Muslime auf den Straßen den Roman "Die Satanischen Verse" des britisch-indischen Autors Salman Rushdie verbrannten, 1995 Rassenunruhen die Stadt erschütterten und sich die Szenen von Straßenschlachten, brennenden Barrikaden und geplünderten Läden im Sommer 2001 wiederholten, sind die Probleme offensichtlich.

Der Ouseley-Report, kurz nach den Unruhen 2001 erschienen, zeichnet ein düsteres Bild: eine Stadt, gespalten durch rassische, ethnische, religiöse und soziale Unterschiede, in der Menschen in abgeschotteten Welten leben. Muslime rücken in Arbeitervierteln zusammen, aus denen Weiße, Hindus und Sikhs ausziehen. "In den Ghettos", sagt Ghazanfer Khaliq, muslimischer Stadtrat, "ist die Arbeitslosigkeit dreimal so hoch wie in den weißen Vierteln. Die Muslime sind die neue Unterklasse Großbritanniens."

Hindus und Sikhs schneiden in der Bildungsstatistik besser ab, kriegen bessere Jobs und Wohnungen, obwohl sie einst aus denselben ländlichen Gegenden kamen. Teils, sagt Khaliq, seien die Muslime selbst schuld: "Die Inder haben Ende der sechziger Jahre begriffen, dass sie hier leben. Beide Ehepartner arbeiteten, sie investierten in ihre Kinder. Sie haben Töchtern und Söhnen erlaubt, sich zu bilden. Die Muslime liegen im Vergleich zu den Indern immer noch 20 bis 30 Jahre zurück."

Die Stadt setzt auf Partner-Programme

Denn viele muslimische Kinder lernen erst in der Schule Englisch, dazu nachmittags arabische Koranverse und müssen die im Unterricht geforderten Fremdsprachen beherrschen - und sind überfordert. Die Stadt setzt auf Partner-Programme, in denen sich Kinder aus verschiedenen Kulturen kennen lernen, und auf massive Aufklärung.

Doch seit dem 11. September sei es schwieriger geworden, sagt Khaliq. Vorher spalteten Erfolg und Nichterfolg, Vermögen und Armut die Gesellschaft, jetzt gehe es um Religion. "Seit dem 11. September scheint der Islam darin zu bestehen, dass man sich selbst und andere Menschen in die Luft jagt. Die Christen sehen den Islam als Bedrohung, und die Muslime sagen, die Christen unterdrückten sie."

Sabine Fiedler / print