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HAUPTVERHANDLUNG: »Kalkulierte Grausamkeit«

Keine Überraschung in Den Haag: Slobodan Milosevic ist auf der Anklagebank des UN-Tribunals bei seiner Rolle als einsamer Kämpfer gegen den Rest der Welt geblieben.

Zum Auftakt des Prozesses wegen Verbrechen im Kosovo, in Kroatien und Bosnien zeigte sich der Ex-Präsident Jugoslawiens allerdings nicht mehr ganz so gelangweilt wie bei früheren Treffen mit seinen Richtern. Im Gegenteil: Konzentriertes Zuhören, häufige Notizen mit kräftigem Schriftzug und gelegentliches Stirnrunzeln bekundeten zumindest Interesse für die Anklagen.

Im Gerichtssaal wurde er wiederholt an seine große Zeit in den 80er- und 90er- Jahren erinnert. Damals konnte er für kurze Ansprachen Millionen Zuhörer mobilisieren, Landsleute mit nationalistischen Aufrufen begeistern und knapp Befehle verteilen. Video-Ausschnitte von Auftritten des damals viel jüngeren Politikers kontrastierten stark mit dem Grauhaarigen im blauen Anzug zwischen zwei kräftigen Justizbeamten auf seiner einsamen Bank. Die zusammenfassenden Kommentare von Chefanklägerin Carla Del Ponte und ihres Assistenten Geoffrey Nice machten Milosevic den Anspruch des Friedensstifters streitig.

Machtgier als Motiv

Vor allem die Chefin der Ermittlungsbehörde, die drei Anklageschriften gegen Milosevic verfasst hat, unterstrich wiederholt, dass in Milosevic nicht Serbien oder das serbische Volk angeklagt werden. »Hier geht es allein um seine strafrechtliche Verantwortlichkeit«, sagte sie. Seine Taten könnten auch nicht mit Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder irgendwelchen »Idealen« erklärt werden. »Es ging ihm in allem nur um seine persönliche Macht.« Auch das Streben nach einem Groß-Serbien diente nach ihrer Meinung nach nur dieser Absicht.

»Nationalistische Karte gespielt«

Für diese Machtgier zahlten nach Ansicht der Anklage viele Tausend Menschen im früheren Jugoslawien mit Leben und Eigentum, vor allem Albaner, Kroaten und Moslems - aber auch Serben. Der einstige Kommunist, der bewusst »die nationalistische Karte gespielt« habe, um vielleicht ein zweiter Tito zu werden, habe alles auf dem Gewissen.

Mit den Attacken auf die angeblichen Motive von Milosevic reagierte die Anklage auf politische Erklärungen von Milosevic bei früheren Gerichtsterminen. Dabei hatte sich der Angeklagte als Verteidiger seines Volkes aufgeworfen, dem die Angriffe des - von ihm nicht anerkannten, angeblich illegalen und parteiischen - Tribunals in Wirklichkeit gälten. »Dies ist ein Strafprozess«, mahnte ihn Del Ponte, »kein Debattierklub.« Wie der Angesprochene seine Position gegen den Rest der Welt jetzt versteht, wird am Mittwoch offenbar. Dann soll er mehrere Stunden Zeit haben, um auf die Anklage zu reagieren.

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