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Helmut Schmidt Der alte Mann und die Krim


Altkanzler Helmut Schmidt hat Verständnis für Russlands Vorgehen auf der Krim und deshalb Ärger. Nehmen wir ihn lieber als das, was er ist: das beste Orakel im Land.
Ein Aufruf zur Milde von Stefan Schmitz

Helmut Schmidt, 95, macht keine Horoskope, liest nicht aus der Hand und hat nie behauptet, Verbindung zu Außerirdischen zu haben. Natürlich ist der Alte trotzdem das beste Orakel im Land. Düster und unpräzise kann er sein, dann wieder klar, überraschend, empörend, gegen den Strom gerichtet. Ein Meister der Nebelkerze und des Tabubruchs. In der neuen "Zeit" hat er wieder zugeschlagen.

Gibt es möglicherweise Krieg wegen des russischen Vorgehens in der Ukraine, wurde der Herausgeber der Wochenzeitung vom Interviewer derselben gefragt. Darauf entgegnete er: "Denkbar ist das, notwendig ist es auf keinen Fall. Und zwangsläufig ist es erst recht nicht." Der Raum füllt sich mit Nebel. Kurz darauf geht es um Strafmaßnahmen gegen Russland. "Wirtschaftssanktionen haben vor allem eine symbolische Bedeutung", spricht der Altkanzler. "Aber sie treffen den Westen genauso wie die Russen." Wie bitte? Sie sind symbolisch, aber treffen doch.

Putins Kurs "durchaus verständlich"

Das ist Kafka pur. Der schrieb über Baumstämme im Schnee: "Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar."

So ungefähr erklärt Helmut Schmidt, der qualmende Weltendeuter, die internationale Politik. Dabei sagt er merkwürdige Sachen über den syrischen Diktator Assad, über Chinas Militäreinsatz auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 oder – darum ging es in seiner aktuellen Weissagung – über Krim-Annektierer Putin. Dessen Kurs, so Schmidt, finde er "durchaus verständlich". Außerdem sei das Völkerrecht schon oft gebrochen worden und unter Experten durchaus umstritten, ob es eine ukrainische Nation überhaupt gebe. Erkenntnisse, die er mit Hilfe des Krimkrieges 1853, des Friedens von San Stefano sowie der Feldzüge Napoleons im schlimmen Winter 1811/1812 herleitet. Puh.

Schmidt beherrscht den Kreis der Weisen

Natürlich kann man sich über seine Aussagen aufregen. Man kann das Orakel aber auch als Orakel nehmen. Als Botschaft, die nicht mit den Maßstäben des Nachrichtengewerbes gemessen werden darf. Wie der FC Bayern die Bundesliga, so beherrscht Schmidt die Spielklasse der Greisen und Weisen. Egon Bahr gehört dazu, Hans-Dietrich Genscher. Joschka Fischer wird bald aufsteigen in diesen Kreis. Die Alten sagen, was sie wollen. Wir nehmen ihre Worte als Denkanstoß, als Gelegenheit, eigene Positionen zu überprüfen. Wir hören zu. Wenn sie Unfug reden, lächeln wir. Und dann ist es gut.


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