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Henry Kissinger: "Macht ist ein starkes Aphrodisiakum"

In den Siebzigern wurde Henry Kissinger als erster Einwanderer im Amt des amerikanischen Außenministers berühmt. Er bestimmte maßgeblich die amerikanische Außenpolitik und wirkt noch heute als "graue Eminenz" hinter den Kulissen.

Henry Kissinger war in seiner aktiven politischen Zeit ein Weltreisender in Sachen Diplomatie. Acht Jahre, von 1969 bis 1977, bestimmte er maßgeblich die US-Außenpolitik - zunächst als Sicherheitsberater von Präsident Richard Nixon, dann ab 1973 als Außenminister. Noch heute ist sein Rat bei der Regierung in Washington gefragt. Am Dienstag (27. Mai) wird der im bayerischen Fürth als Sohn jüdischer Eltern geborene Kissinger 80 Jahre alt.

"Graue Eminenz" hinter den Kulissen

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik wirkt Kissinger noch als "graue Eminenz" hinter den Kulissen. Als Politikwissenschaftler war er einer der wenigen Theoretiker und zugleich Praktiker in der Politik. Er bot ein Schauspiel auf der politischen Bühne, wie der US-Journalist und Buchautor John Newhouse schrieb. Kritiker bemängelten jedoch seinen Hang zur Geheimdiplomatie und warfen ihm Selbstherrlichkeit vor. Die Macht hat für Kissinger nach eigenem Eingeständnis etwas Erotisches. "Macht ist ein starkes Aphrodisiakum", sagte er einmal.

Lange bevor er in die Regierung berufen wurde, hatte sich Kissinger als Professor der renommierten Harvard-Universität auch außerhalb der Vereinigten Staaten schon einen Namen als exzellenter Kenner der internationalen und vor allem der europäischen Politik gemacht. Als Sicherheitsberater wurde Kissinger, dessen große Vorbilder Bismarck und Metternich sind, zum heimlichen Außenminister; Ressortchef William Rogers wurde in vielen wichtigen Fragen umgangen. So bereitete er im Sommer 1971 in Peking in Geheimverhandlungen die spektakuläre Reise Nixons nach China vor.

Im Einvernehmen mit Nixon vollzog Kissinger eine weitgehende Abkehr von der Rolle der USA als "Weltpolizist". Seine auf dem Konzept des Gleichgewichts gründende Politik zielte vor allem auf Entspannung und Rüstungskontrolle im Ost-West-Konflikt. Zu einem Prestigeverlust für Kissinger wurde im Nachhinein das von ihm ausgehandelte Waffenstillstandsabkommen für Vietnam vom Januar 1973, das das militärische Engagement der USA beendete, aber nicht zur erhofften Befriedung Vietnams führte. Kissinger und der nordvietnamesische Unterhändler Le Duc Tho erhielten dafür zwar den Friedensnobelpreis zugesprochen. Le Duc Tho nahm diesen erst gar nicht an, Kissinger gab ihn 1975 enttäuscht zurück, nachdem die Kommunisten ungeachtet des Abkommens Südvietnam überrannt hatten.

Vorwurf der Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg

Anders als der ehemalige Verteidigungsminister Robert McNamara verteidigt Kissinger bis heute das militärische Engagement der USA in Vietnam. "Ich glaube, dass wir aus ehrenwerten Motiven und mit stichhaltigen Zielen nach Vietnam gegangen sind", sagte er vor einigen Jahren. McNamara, Pentagonchef unter den Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon Johnson, bezeichnete den Vietnamkrieg dagegen in seinen Memoiren als "schrecklichen Irrtum". Kritiker Kissingers werfen dem ehemaligen Außenminister in Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg heute sogar Kriegsverbrechen vor.

Legendär geworden sind Kissingers unermüdliche Verhandlungen um eine politische Lösung des Nahost-Konflikts. Im Frühjahr 1974 wenige Monate nach dem Jom-Kippur-Krieg reiste er allein 34 Tage zwischen Jerusalem und Damaskus hin und her, wofür seinerzeit der Begriff der "Pendeldiplomatie" geprägt wurde. Kissinger gefiel sich in der Rolle des von Krisenherd zu Krisenherd eilenden "Superdiplomaten".

Ende 1973 löste er Rogers als Außenminister ab, blieb aber zugleich Chef des Nationalen Sicherheitsrates. Die USA befanden sich damals inmitten der Watergate-Affäre, die Nixon im August 1974 zum Rücktritt zwang. Kissinger blieb unter Nixons Nachfolger Gerald Ford Außenminister, musste jedoch das Amt des Sicherheitsberaters abgeben. Nach Fords Wahlniederlage gegen Jimmy Carter zog er sich im Januar 1977 aus der aktiven Politik zurück. Später gründete er eine Beraterfirma, die weltweit ihre Dienste anbietet. Kissinger, dessen Familie 1938 in die USA auswanderte, um der Judenverfolgung in Deutschland zu entgegen, war der erste Einwanderer im Amt des amerikanischen Außenministers. Als zweite schaffte dies 1997 Madeleine Albright, die aus Tschechien stammt.

Wolfgang Künzel