Hungerunruhen Keiner will schuld sein


Auf die "Tortilla-Krise" in Mexiko Anfang 2007 folgten Hungerunruhen in Afrika, Asien und zuletzt in Haiti. Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, hat die Schuldigen ausgemacht: die Produzenten von Biokraftstoff. Allen voran Brasilien. Doch Präsident Lula wehrt sich.
Von Toni Keppeler

Die Herstellung von Biokraftstoff, sagte Ziegler, sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Wer Mais oder Zuckerrohr nur verwende, um seinen Tank zu füllen, treibe die Preise solcher Grundnahrungsmittel dermaßen in die Höhe, dass sie für Arme unerschwinglich würden. Im Fall der Tortilla-Krise von Mexiko hat Ziegler recht. Vordergründig zumindest. Tortillas sind in ganz Mittelamerika das tägliche Brot. Arme können sich oft nicht mehr leisten als zwei oder drei diesen aus Maismehl und Wasser gebackenen Fladen, belegt mit ein bisschen Salz und ein paar roten Bohnen. Anfang vergangenen Jahres schoss der Preis für Tortillas in Mexiko innerhalb weniger Tage auf das Dreifache hinauf. Der unmittelbare Grund: Die US-Regierung begann, die Herstellung von Biodiesel aus Mais zu subventionieren. Für die Farmer im Mittleren Westen war es plötzlich viel rentabler, die Ernte an die neuen Kraftstoff-Fabriken zu verkaufen, statt sie, wie bisher, nach Mexiko zu exportieren.

Natürlich ging das nicht von einem Tag auf den anderen. Aber Mais ist eine Handelsware wie Stahl oder Öl oder Kupfer. Der Markt regelt seinen Preis. Wenn das Gerücht umgeht, Mais werde bald knapp in Mexiko, dann geht der Preis nach oben. Egal, ob es noch welchen gibt oder nicht. Zwischenhändler lagern ihre Vorräte ein, weil sie mit weiter steigenden Preisen rechnen. Weil sie Horten und nicht verkaufen, wird Mais dann tatsächlich innerhalb weniger Tage knapp und der Preis steigt noch mehr. Es gibt also mehr Schuldige als nur die Hersteller von Biosprit.

Damit ist die Geschichte der Tortilla-Krise noch nicht zu Ende erzählt. Man muss auch fragen, warum Mexiko überhaupt auf Mais-Importe aus den USA angewiesen ist. Schließlich ist die Gegend die Wiege dieser Kulturpflanze. Die Maya, die noch heute im Süden Mexikos und im benachbarten Guatemala leben, kultivieren sie seit mehr als 3000 Jahren. In ihrer Schöpfungsgeschichte formten die Götter den Menschen nicht aus Lehm, sondern aus Maisbrei. Nirgendwo auf der Welt gab es mehr Maissorten als in Mittelamerika.

Doch das ist vorbei. Mexiko produziert heute viel zu wenig, um den Eigenbedarf zu decken. Auch das ist eine Folge des Handels. 1996 schlossen sich Kanada, die USA und Mexiko zur Nordamerikanischen Freihandelszone zusammen. Nach diesem Abkommen musste Mexiko seine Importzölle für Mais schrittweise senken. Mehr und mehr kleine Bauern gaben auf, weil sie mit den immer billiger werdenden Importen der staatlich subventionierten Großfarmer in den USA nicht mehr konkurrieren konnten. Diejenigen, die übrig blieben, mussten die Erträge steigern und kauften deshalb das auf Masse gezüchtete Saatgut der großen US-Konzerne - inklusive der dazugehörenden Düngemittel. Die Abhängigkeit wuchs, die Artenvielfalt verschwand. Doch der Tortilla-Preis blieb stabil. Bis zu dem Tag, an dem die US-Farmer mit den noch mehr subventionierten Biosprit-Anlagen einen lukrativeren Markt fanden als Mexiko.

Lula wehrt sich

Wer also ist schuld an den steigenden Lebensmittel-Preisen? Jedenfalls nicht der Kraftstoff aus Biomasse, sagte Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva diese Woche bei der Eröffnung einer Regionalkonferenz der Welternährungsorganisation FAO in Brasilia. Man sollte meinen, er müsste es wissen. Kein anderer Präsident hat sich so für die Armen eingesetzt wie Lula. Sein "Null-Hunger-Programm" sorgt in armen Familien für Nahrung, Bildung und Gesundheitsversorgung. Und kein anderes Land - außer den USA - produziert so viel Biokraftstoff wie Brasilien.

Für Autofahrer in Rio de Janeiro oder São Paulo ist es schon lange normal, statt Benzin das deutlich billigere Ethanol in den Tank zu füllen. Auch herkömmliches Benzin muss laut Gesetz ein Viertel des aus Zuckerrohr gewonnenen Agrar-Alkohols enthalten. 86 Prozent der in Brasilien verkauften Neuwagen haben Motoren, die beide Kraftstoffe gleich gut vertragen. Auch ein Mercedes oder VW. Die Konzerne haben sich dem Markt längst angepasst.

Ethanol: konkurrenzlos billig

Als Brasilien Anfang der Achtzigerjahre mit der Produktion von Biosprit begann, wurde es belächelt. In den Neunzigerjahren brach der Markt für Ethanol fast zusammen, weil der Weltmarktpreis für Zucker gestiegen und der Ersatzkraftstoff plötzlich teurer war als Benzin. Aber dann zogen die Ölpreise noch viel mehr an und heute ist Ethanol konkurrenzlos billig. Lange galt Brasilien als Musterbeispiel für sauberes Autofahren. Lula reiste als Botschafter des Zeitalters nach dem Erdöl durch die Welt und verstand sich in diesem Punkt sogar mit US-Präsident George W. Bush. Die Tortilla-Krise überstand er noch ohne Schaden, denn die beschäftigte nur die Mexikaner. Aber jetzt, nach Hungerunruhen in Ägypten, Bangladesch, Elfenbeinküste, Guinea, Marokko, Mauretanien, Mosambik, Niger, Senegal und jüngst Haiti, soll er plötzlich ein Finsterling sein, der in seinen Ethanol-Anlagen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" begehen lässt. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen.

"Es erschüttert mich, wenn man die Erhöhung der Lebensmittelpreise mit Biokraftstoff in Verbindung bringt", sagte Lula bei der FAO-Konferenz diese Woche. Die wahren Schuldigen an der Hungerkrise seien die Industrienationen, die mit ihrem Energie-Durst den Preis für Erdöl und damit die Transportkosten in Schwindel erregende Höhen trieben. Und die internationalen Chemiekonzerne, die Düngemittel immer teurer verkauften. Und ganz besonders die Europäische Union und die USA, die mit ihren Agrarsubventionen die Landwirtschaft in den armen Ländern kaputt machten.

Auch wenn es Lula nicht wahr haben will: Biosprit gehört mit zu den Schuldigen. Nicht in Brasilien, aber zum Beispiel in Mexiko. Das zeigt die Tortilla-Krise. Das Problem der Hunger-Unruhen ist komplex und wird uns noch lange begleiten. Mindestens so lange, wie die einen Mitschuldigen immer nur auf die anderen zeigen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker