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Hussein-Prozess: Chaos im Gerichtssaal

Chaotische Szenen beim Wiederauftakt des Prozesses gegen Saddam Hussein: Ein weiterer Angeklagter bezeichnete den Prozess als "Tochter einer Hure", Hussein und seine Verteidiger stürmten aus dem Saal.

Bei der Fortsetzung des Prozesses gegen den früheren irakischen Präsidenten Saddam Hussein ist es am Sonntag in Bagdad einem Augenzeugen zufolge zu einem Eklat gekommen. Der Vorsitzende Richter vertagte den Prozess auf frühestens Mittwoch.

Saddam habe kurz nach der verspäteten Wiederaufnahme aus Protest gegen das Verfahren den Gerichtssaal verlassen, berichtete ein Augenzeuge. Er ging, nachdem seine Verteidiger aus dem Saal stürmten. Zuvor hatten sich chaotische Szenen ereignet: Die Richter verwiesen den Mitangeklagten früheren Geheimdienstchef Saddams, Barsan al-Tikriti, des Saals. Gerichtswachen führten ihn ab. Er war der Aufforderung des neuen Vorsitzenden Richters nicht nachgekommen, sich still zu verhalten, und hatte den Prozess als "Tochter einer Hure" bezeichnet.

Danach sagte Saddam zum Richter: "Ich möchte gehen." Der Richter antwortete: "Dann gehen Sie." Der frühere Präsident entgegnete: "Das ist eine Tragödie. Ich habe Sie 35 Jahre lang geführt. Wie können Sie mich aus dem Gerichtssaal führen?" Später verließ auch Saddams ehemaliger Vize-Präsident, der ebenfalls angeklagte Taha Jassin Ramadan, das Gericht.

Personalkarussell dreht sich

Dessen ungeachtet versuchte der neue Vorsitzende Rauf Raschid Abdel-Rahman, den Prozess in geordnetere Bahnen zu lenken. Nach kurzer Unterbrechung wurde das Verfahren mit der Vernehmung anonymer Zeugen fortgesetzt. Zuvor hatte Abdel-Rahman vier neue Verteidiger eingesetzt. Der Kurde ist erst seit kurzem Vorsitzender, weil sein Vorgänger Risgar Mohammed Amin sein Amt vor zwei Wochen niedergelegte und der Regierung in Bagdad Einmischung in den Prozess vorwarf. Mehrere irakische Politiker hatten seinen Verhandlungsstil kritisiert.

Das Verfahren war am Dienstag verschoben worden, da nach Angaben des Gerichts wegen der Pilgerfahrt nach Mekka mehrere Zeugen nicht erschienen. Der im Oktober begonnene Prozess ist mehrmals unterbrochen worden, zwei Mitglieder des Verteidigerteams wurden getötet.

Der neue Vorsitzende Richter hatte sich zuletzt mit Vorwürfen konfrontiert gesehen, Mitglied der Baath-Partei Saddams gewesen zu sein. Die Verteidigung hatte angekündigt, eine Einstellung des Verfahrens zu beantragen. Amins Rücktritt und die Vorwürfe der Einmischung der Regierung hätten gezeigt, dass das von den USA gestützte Gericht nicht unabhängig sei.

Saddam droht die Todesstrafe

Das Verfahren gegen Saddam Hussein und sieben weitere Angeklagte begann am 19. Oktober. Der Expräsident hat in dem Prozess die Richter beschimpft, erschien zu einer Sitzung gar nicht und betete offen im Gerichtssaal, als die Richter keine Pause genehmigten.

Saddam steht mit sieben weiteren Angeklagten im Zusammenhang mit der Tötung von 148 Einwohnern des schiitischen Ortes Dudschail nach einem Attentat auf ihn 1982 vor Gericht. Ihm werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Ihm droht die Todesstrafe.

AP / AP
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