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Indien: Planet zwischen Glanz und Elend

Indien ist erwachender wirtschaftlicher Riese, eine sich räkelnde atomare Großmacht, schwindelerregend modern und doch lähmend traditionell. Wir stellen das Land in einer zwölfteiligen Serie vor - und geben Tipps, wie man das Land kennenlernen kann. Teja Fiedler und Swantje Strieder über den Reiz des Subkontinents.

"Indien ist immer auch das Gegenteil." Dieser berühmte Satz der 1984 ermordeten indischen Ministerpräsidentin Indira Gandhi gilt heute mehr denn je. Denn ohne Zweifel ist das Land mit seinen 1200 Millionen Menschen auf dem Weg zur Weltmacht. Indien schießt heute Satelliten ins All, Indien besitzt die Atombombe und wurde jetzt gerade auch offiziell in den exklusiven Club der Nuklearmächte aufgenommen. Drei Millionen Inder arbeiten in der boomenden IT-Industrie, und die Call Center in Bangalore oder Hydarabad bedienen die gesamte Welt.

Unter den zehn reichsten Menschen auf dem Globus sind vier Inder, die Wachstumsraten der Wirtschaft streiften in den vergangenen Jahren stets die zehn Prozent, nur Chinas Ökonomie wuchs noch schwindelerregender. Die "größte Demokratie der Welt" ist erstaunlich stabil - seit der Gründung der Indischen Union im Jahr 1947 gab es keinen einzigen Militärputsch, und der Machtwechsel zwischen den Parteien verlief stets ohne größere Zwischenfälle.

Riesige Wachstumschancen und eine korrupte Bürokratie

Doch wie sicher steht diese Weltmacht im Werden? Nirgendwo sonst gibt es so viele Arme wie in Indien - und das bei einer Armutsdefinition, die erst greift, wenn jemand das unfassbar niedrige Monatseinkommen von weniger als 600 Rupien verdient, nicht einmal zehn Euro. Zur Mittelschicht zählt bereits, wer über 100 Rupien, etwas mehr als 1,50 Euro, am Tag erwirtschaftet. Direkt neben den Glaspalästen der rapide wachsenden Unternehmen wuchern immer schneller die Slums der Menschen, die ihr Heil in den Großstädten suchen, weil ihnen als Bauern nicht einmal mehr die Hoffnung auf ein besseres Leben bleibt. Ausländische Investoren strömen ins neue Wunderland und sind trotz aller Euphorie über einen riesigen Wachstumsmarkt entsetzt über eine geradezu byzantinisch schwerfällige und korrupte Bürokratie und die oft völlig unzulängliche Infrastruktur des Subkontinents, die zu großen Teilen noch aus der britischen Kolonialzeit stammt. Viele Wagons der chronisch überfüllten Vorortzüge von Mumbai sind schon im Jahr 1924 gebaut worden, Fahrkartenautomaten existieren nicht, sind chronisch kaputt oder werden von den Passagieren nicht angenommen.

Mit riesigem Profit für private Bauunternehmer werden neue Viertel aus dem Boden gestampft, meist stehen diese Wohnsilos jedoch in einer Landschaft ohne Grün und jegliche Verkehrsanbindung, oft sind sie nicht einmal an die städtische Trinkwasserversorgung oder die Kanalisation angeschlossen. Mehrstündige Stromabschaltungen sind an der Tagesordnung, das Land kann seinen steil wachsenden Energiebedarf nicht decken. Allein in der 19-Millionen-Einwohnerstadt Mumbai fehlen 30.000 öffentliche Toiletten für 60 Prozent der Bürger, die keine eigene Toilette im Haus haben.

Energie, Optimismus - und rosarote Wunschträume

Die meisten Inder wissen um all diese Defizite. Sie sind sich auch des verrotteten öffentlichen Schulsystems bewusst, in dem nicht die Schüler sondern die Lehrer schwänzen, weil sie ihr kärgliches Gehalt lieber mit Privatstunden aufbessern. Sie durchleben täglich die Spannungen, die das starre Kastensystem und die noch immer herrschende unterschwellige Animosität zwischen Hindus und Moslem mit sich bringt.

Trotzdem blickt Indien randvoll mit Energie und Optimismus in die Zukunft, selbst wenn manche kühnen Projekte - von einem vernünftigen Straßensystem über eine moderne Kanalisation, Magnetschwebebahnen bis hin zu Meerwasserentsalzungsanlagen - auf absehbare Zeit nichts als rosarote Wunschträume bleiben werden. Von umweltschonenden Industrien und nachhaltiger Energieerzeugung ganz zu schweigen. Doch Indien kommt voran, auch als Global Player. Das Ausgreifen etwa der indischen Stahlindustrie auf die Weltmärkte beweist das. Gerade eine Industrienation wie Deutschland mit ihrer hohen Exportabhängigkeit kann es sich nicht leisten, über "Incredible India", so die offizielle Tourismuswerbung, hinweg- oder sogar darauf hinabzusehen.

In einer zwölfteiligen Serie beleuchtet stern.de dieses "unglaubliche Indien" in all seinen Widersprüchen, aber auch in all seiner Faszination und seiner Schönheit. Dabei stellen wir nicht nur die herausragenden Köpfe des Landes vor, Bollywood-Star Shahrukh Khan und den Industriellen Vijay Mallya etwa, beschreiben nicht nur das Leben in den Elendsvierteln Mumbais oder die Leiden der so genannten Selbstmordbauern von Vidarbha, sondern zeigen auch, wie Deutsche das Land erleben - als Unternehmer, aber auch als Touristen. Letzteren bietet ein Reise-ABC konkrete Hilfestellung. Die Artikel betten wir ein in ein Extra, in dem wir alle Artikel der Serie sammeln.