HOME

Irak-Veteranen: Sturmgewehr unterm Trenchcoat

Quälende Erinnerungen, Albträume und Orientierungslosigkeit - viele US-Soldaten zeigen nach ihrem Kriegsdienst im Irak Symptome von seelischem Stress. Immer häufiger greifen die Heimkehrer unvermittelt zur Waffe.

Matthew Sepi wollte eigentlich nur ein Bier holen in der heißen Sommernacht des 31. Julis in Las Vegas. Trotzdem steckte er sich noch sein Sturmgewehr unter den schwarzen Trenchcoat. Man weiß ja nie! Auf dem Rückweg begegnete er einem Paar, das ihm schon auf dem Hinweg aufgefallen war. Was bei der Begegnung dann genau passierte, ist bislang unklar. Die beiden hätten ihn angeschrien, aus dem Weg zu gehen, hat Sepi der Polizei gesagt. Zudem behauptet er, der Mann habe auf ihn geschossen. Er habe sich in Deckung gebracht und das Feuer erwidert - aus dem Hinterhalt auf den Feind geschossen, so wie er es immer und immer wieder geübt habe. Sicher ist: Die 47 Jahre alte Frau ist tot, ihr 26-jähriger Begleiter wurde schwer verletzt.

"Marineinfanterist des Jahres"

Dieser Zwischenfall ist einer von zwei Fällen, die derzeit in den USA Aufsehen erregen. Denn Matthew Sepi ist vor kurzem vom Kriegsdienst im Irak zurückgekehrt. Sein Fall weist erstaunliche Parallelen auf zu dem von Daniel Cotnoir, der wegen seiner Verdienste im Irak als "Marineinfanterist des Jahres" ausgezeichnet wurde. Auch er hat vollkommen unvermittelt auf Menschen geschossen. Deshalb gerät jetzt verstärkt in den Blickpunkt, welche Auswirkungen die Schrecken des Krieges auf die beiden Veteranen gehabt haben müssen.

Wiederkehrende Erinnerungen, Albträume und Schwierigkeiten, sich wieder in das frühere Leben einzugliedern, diese Symptome sind Anzeichen für ein posttraumatisches Stresssyndrom (PTSD), an dem viele Soldaten leiden. Nach Schätzungen des Generalstabsarztes der Streitkräfte haben 30 Prozent der untersuchten Soldaten in den ersten Monaten nach ihrer Heimkehr stressbedingte psychische Probleme. Eine Studie des "New England Journal of Medicine" hatte zum Ergebnis, dass ein Sechstel der Soldaten Symptome von seelischem Stress zeigt.

Verbrannte Leichen an der Brücke von Falludscha

Daniel Cotnoir begann schon im Alter von sechs Jahren im Beerdigungsinstitut seines Vaters mitzuarbeiten. Zunächst staubte er Stühle im Wartezimmer ab, doch schon bald lernte er, wie man Tote einbalsamiert und für das Begräbnis herrichtet. Als er als Marinesoldat seinen Dienst im Irak antrat, brachte er Fähigkeiten mit, die seinen Vorgesetzten sehr gelegen kamen. Cotnoir barg die Überreste von Soldaten, die bei Bombenanschlägen zerrissen worden waren. Er sammelte Leichenteile auf den Schlachtfeldern ein und schulte Kameraden in dieser Tätigkeit. Als die verbrannten Leichen von zivilen Auftragnehmern der Armee in Falludscha von einer Brücke hingen, half er, sie zu bergen.

Im vergangenen Oktober kehrte Cotnoir zu seiner Frau und zwei Töchtern nach Massachusetts zurück und arbeitete wieder für sein Beerdigungsinstitut. Manchmal sei er etwas nervös, sagte der 33-Jährige der Zeitung "The Boston Globe" im November. "Ich muss mich daran erinnern, dass ich hier zu Hause bin. Hier gehen keine Autobomben hoch." In der Nacht zum 13. August kurz vor 03.00 Uhr morgens hielt Cotnoir seine Schrotflinte aus dem Fenster und feuerte in eine Gruppe von Nachtschwärmern, deren Lärm ihn belästigt hatte. Der Polizei sagte er, er habe Angst um seine Familie gehabt. Zwei junge Menschen wurden von Splittern verletzt, sind aber mittlerweile aus dem Krankenhaus entlassen.

Unverständnis der Mitmenschen

Die Fälle von Sepi und Cotnoir, des weiteren zahlreiche Selbstmorde und sogar ein Banküberfall von Kriegsveteranen, lassen die Rufe nach mehr Hilfe für die heimgekehrten Soldaten lauter werden. Der Kongressabgeordnete Martin Meehan hat einen Gesetzesentwurf eingebracht, dem zufolge sich Kriegsheimkehrer einer gründlichen psychologischen und körperlichen Untersuchung unterziehen sollen. Zudem fordert er mehr Geld für die Behandlung von Veteranen mit PTSD. "Wenn man sich anschaut, wie viel Geld wir in den Irak und unser Verteidigungsbudget stecken, dann sollte man auch einen Bruchteil davon für die jungen Menschen übrig haben, die aus dem Irak zurückkommen", betont Meehan. David Spiegel, Psychiater an der Stanford Universität, kritisiert derweil, dass die Gesellschaft nicht darauf vorbereitet sei, sich mit den Problemen dieser Soldaten zu befassen: "Wenn sie zurückkommen, sind sie isoliert." Sie seien im Irak in eine brutale Umgebung abgetaucht und kehrten dann zurück unter Menschen, die sie nicht mehr verstünden.

Matthew Sepi sitzt im Gefängnis des US-Staats Nevada und hat in Kürze seinen ersten Gerichtstermin. Daniel Cotnoir unterzieht sich derzeit einer psychiatrischen Untersuchung und wird am 2. September vor Gericht gestellt.

Angie Wagner/AP / AP