Irans Atomprogramm "Die Uhr tickt"

In einer bislang geheimen Anlage treibt der Iran sein Atomprogramm voran. Im stern.de-Interview analysiert US-Experte David Albright, wie der Westen auf diese Gefahr reagieren kann.

Herr Albright, was bedeutet die Entdeckung dieser zweiten geheimen Nuklearanlage im Iran?
Schon seit Jahren vermutet man, dass der Iran ein zweites, geheimes Urananreicherungsprogramm verfolgt. Dies hat sich jetzt bestätigt. Erneut wurde die Existenz einer geheimen Anlage durch den Westen bekannt gemacht, nicht durch den Iran selbst.

Die Anlage stand seit Jahren unter Beobachtung westlicher Geheimdienste, auch der CIA. Was weiß man darüber?
Noch ist wenig öffentlich geworden. Eine unterirdische Anlage, in einem Berg in der Nähe der Stadt Ghom, rund 100 Kilometer südwestlich von Teheran. Angeblich soll die Anlage bis zu 3000 Zentrifugen umfassen, mit denen man Uran anreichert. Und wenn der Iran diese Anlage mit modernen Gasultrazentrifugen ausgestattet hat, dann wäre sie vielleicht sogar von besserer Qualität als die Anlage in Natanz.

In der Anreicherungsanlage Natanz wurden mittlerweile mehr als 8000 Zentrifugen installiert und mehr als 1,5 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mit dieser Menge kann man das Material für ein bis zwei Atombomben produzieren. Diese Menge gibt dem Iran die Möglichkeit des so genannten "nuklearen breakouts". Das bedeutet, dass der Iran dieses Material an anderer, geheimer Stelle rasch weiter anreichern könnte - zu waffenfähigem Uran.

Innerhalb welchen Zeitraums?
Innerhalb von etwa sechs Monaten. Zur Klarstellung: Damit ist noch keine Atomwaffe gebaut. Aber es wäre ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Und das macht die jetzt bekannt gewordene Anlage bei Ghom so verdächtig. Vor allem, wenn dort moderne, widerstandsfähigere Zentrifugen stehen, deren Pläne einst von Pakistan geliefert wurden. Wir wissen, dass der Iran solche Zentrifugen modifiziert und produziert. Die UN-Atominspektoren dürfen sie allerdings nicht überprüfen.

Der Iran hat ein Waffenprogramm immer abgestritten. Selbst US-Geheimdienste kamen zu dem Schluss, das Programm sei seit sechs Jahren eingestellt.
Die iranische Führung wird wohl behaupten, man habe nur eine zweite, kleine Anlage gebaut, als Sicherheit sozusagen, falls der Westen die Anlage in Natanz angreifen würde. Doch jetzt erhärtet sich der Verdacht, dass es sich jedenfalls nicht um ein friedliches Programm handelt. In jedem Fall wurden die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates verletzt. Denen zufolge muss der Iran sein Anreicherungsprogramm einstellen.

Sanktionen haben bislang nichts bewirkt.
Aber die Entdeckung der geheimen Anlage ist ein politisches Desaster für den Iran. Jetzt kann die ganze Welt nachvollziehen, wie sich die iranische Führung verhält. Der Iran muss jetzt Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA zulassen. Und zwar am besten innerhalb von Tagen. Der Druck wird jetzt wachsen. Und zwar rasch.

Am 1. Oktober sollen zum ersten Mal Gespräche zwischen westlichen Ländern und dem Iran stattfinden. Der Iran hat bereits angekündigt, man werde nicht über die Anreicherung sprechen.

Katja Gloger

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