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stern-Analyse "Die Welt verstehen": Was hat der IS mit Schleusungen zu tun?

Der Islamischer Staat plant, Flüchtlinge für seine Zwecke zu missbrauchen. Das berichtet ein Ermittler der Bundespolizei dem stern. Warum Europas Grenzschützer so machtlos sind.

Von Joachim Rienhardt

Der Islamische Staat will offenbar Schiffe entführen, um sie für Schleusungen zu nutzen

Der Islamische Staat will offenbar Schiffe entführen, um sie für Schleusungen zu nutzen

Das Piraten-Präventionsteam der Bundespolizei stieß bei Internet-Recherchen auf Informationen, wonach der Islamische Staat plant, das Elend der Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa flüchten, für ihre Zwecke zu nutzen. "Der IS hat Pläne, Schiffe zu entführen, um sie für Schleusungen zu nutzen und so die EU mit Migranten auf dem Seeweg zu überschwemmen", sagt einer der Ermittler zum stern. In einer internen Mitteilung des "Direktionsbereich Bundespolizei See" heißt es über die Erkenntnisse: "Es wird von Seiten des IS ebenfalls auf die einfache Einreise von IS-Kämpfern im Zuge des Migrationsstroms über das Mittelmeer hingewiesen und darauf, wie einfach es für Flüchtlinge sei, durch Checkpoints der Küstenwache in Städte zu gelangen."

Die Bundespolizei hält den IS als Quelle der Ankündigung für authentisch. In dem internen Direktionsbericht wird aus dem mutmaßlichen IS-Plan wörtlich zititert: "Wenn das (die einfache Einreise nach Europa, Anm. d. Red.) auch nur teilweise ausgenutzt und strategisch entwickelt wird, kann im südlichen Europa Tumult verursacht werden. Es ist sogar möglich, durch Angriffe auf Kreuzfahrtschiffe und Tanker Schifffahrtsgesellschaften zur Aufgabe zu zwingen."

Lybische und syrische Polizei machen Probleme

Schon in den nächsten Tagen erwarten die Grenzschützer wieder Seeschleusungen im großen Stil, auf Frachtschiffen mit bis zu 1000 Flüchtlingen an Bord. Diese Erkenntnis haben die Ermittler vor allem aus Befragung von geschleusten Flüchtlingen und auch aus abgehörten Telefonaten und transkribierten Whatsapp-Konversationen. "Wir wissen inzwischen viel über die Organisation und den Ablauf dieser Schleusungen", so ein Beamter zum stern. "Jetzt müssten in den Ländern, wo die Schiffe ablegen, Ermittlungen fortgeführt werden."

Die deutschen Beamten und auch die Experten der Sonderermittlungsgruppe Seeschleusung "Mare" bei Europol wären gerne dazu bereit. Aber in Lybien gibt es keine im rechtsstaatlichen Sinne funktionierende Polizei. In Syrien sind große Küstenabschnitte unter Kontrolle des IS. Und in der Türkei, wo sich bestens organisierte Schleuserbanden in den vergangenen Wochen darauf spezialisiert haben, Flüchtlinge auf Frachtschiffen zu transportieren, sehen die Behörden keine Anzeichen, dass es zu einer Zusammenarbeit kommen könnte.

"Die Polizei hat kein Interesse", sagt ein deutscher Grenzschützer. Anfragen zum Austausch für Informationen bleiben unbeantwortet, Ersuchen nach einem Treffen zu gemeinsamen Sitzungen ausgeschlagen - mit der Begründung: Zeitmangel. So läuft das Geschäft der Schleuser auch ohne den IS wie geschmiert.

Joachim Rienhardt
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